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524. Nachdenkliches für Manager – Weiße Flecken 7-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Weiße Flecken
„Also“, sagte Karl Unterberger, „dann bis in vier Wochen“, und wir hoben alle unser Glas und riefen: „Frohen Urlaub und viel Sonne, oder?“
Aber er ging auf diese verdeckte Frage nicht ein, sondern Iächelte verschmitzt und schloss die Tür hinter sich.
Zurück blieb die Spannung, wo er wohl hinfahren würde. Einen tollen Geheimtipp habe er bekommen, absolut sicheres Wetter, absolut unberührte, wunderbare Landschaft, absolut nette Menschen und überhaupt, es würden die Traumferien!
Nur, wo der wundersame Ort Iäge, in welcher Himmelsrichtung, in welchem Land, das, bitteschön, sollten wir doch selber herausbekommen; denn, wenn er weg sei, hätten wir ja genügend Zeit, darüber nachzudenken.
Richtig, er sagte noch, er würde dafür sorgen, dass unsere durch Beruf und Karriere geschädigten Gehirne eine Art Entwicklungshilfe erhielten, das habe er schon äußerst sorgfältig vorbereitet.

Fünf Tage später, am Mittwoch, kam die erste Nachricht von Karl Unterberger. „An die lieben Kolleginnen und Kollegen“, hatte er geschrieben, und als wir die Postkarte umdrehten, waren auf ihr ein paar Grashalme, der Teil eines Baumstammes, das Fragment eines Steines und drei oder vier Quadratzentimeter Himmel zu sehen. Ein Fotomotiv, das keines war, dafür aber vierfarbig.
Wir legten die freundlichen Grüsse ratlos auf die Seite.

Am nächsten Morgen kam wieder eine Sendung, und nach drei oder vier Tagen begriffen wir, dass die ganze Sache System besaß. Unterberger hatte offensichtlich eine Panorama-Aufnahme seines geheimnisvollen Urlaubsortes entsprechend vergrössert, das Bild in postkartenformatgrosse Teile zerschnitten, und nun spielte er mit uns Puzzle.

Genau 24 Tage wollte er bleiben, das bedeutete 24 Ansichtskarten. Wir rechneten aus Länge und Breite das Endformat hoch, machten in der Werbeabteilung eine Pinwand frei und unsere Spannung stieg.

Kollege Clemens Wegner, immer geschäftstüchtig, richtete in seinem Schreibtisch eine Kasse ein und gab bekannt, ab sofort würden Wetten angenommen.

Aber dann passierte der erste Aussetzer. Am 13. Tag blieb Karl Unterberger stumm.
Kein Zeichen von ihm, erst wieder am Tag 14.
Das gleiche an den Tagen 16, 19 und 21. Hatte die Post gestreikt? Waren die fehlenden Teile einem Kleptomanen in die Hände gefallen? War Sabotage von missgünstigen Kollegen im Spiel?

Als Karl Unterberger braungebrannt und frohgelaunt wieder in die Firma kam, nahmen wir ihn stumm an der Hand, führten ihn ins Werbeatelier und konfrontierten ihn mit dem fragmentarischen Opus, in dem exakt und traurigerweise gerade die Teile fehlten, die der optische Schlüssel zum Rätsel zu sein schienen.
Aber er lachte laut und herzlich und sagte, verraten würde er nie, wo er gewesen sei. Wir sollten eben die weissen Flecken durch Intelligenz und Phantasie ersetzen. So schwer wäre das doch wohl nicht.

Bis heute entzieht es sich meiner Kenntnis, wo er damals war, und es macht mir und meinem Ehrgeiz immer noch zu schaffen, dass es so ist. Jeder bunte Reiseprospekt mit der obligatorisch imponierenden Panorama-Aufnahme erinnert mich an Karl Unterbergers Geheimniskrämerei, die schon hart an den Tatbestand der Unkollegialität grenzt, und im Herzen spüre ich dann immer noch einen leisen, unverarbeiteten Ärger.
Warum eigentlich? War nicht das, was ich damals miterlebte, nur eine Erfahrung unter vielen? Eine Variante aus einer ganzen Zahl von sich im Letzten ähnlichen Geschehen?

Wie oft bin ich Menschen begegnet, von denen ich auch nach Jahren noch nicht wusste, wer sie eigentlich waren, weil wesentliche Teile im Puzzle fehlten. Charaktere, die kein Gesamtbild ergeben, weil sie Iückenhaft sind.

Da gab es Personen und Persönlichkeiten, die mir imponierten, weil sie Eigenschaften besaßen, die ich gern gehabt hätte. Und dann kam irgendwann die ernüchternde Entdeckung von blinden Stellen auf ihrer perfekt wirkenden Hochglanzpolitur.

Ich hatte Kontakte mit erfolgreichen, zielstrebigen, führungsbegabten Managern. Aber auf dem Golfplatz waren sie plötzlich ganz andere Menschen als hinter dem Schreibtisch, und abends an der Bar wieder anders, und zuhause erst recht. Sie spielten situationsbezogene Rollen, zwar immer perfekt, aber wer waren sie wirklich?

Und ich selber? Wer bin ich eigentlich?
Da steht in der Bibel, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Es gab eine klare Vorstellung. Jeder von uns ist als eine unverwechselbare, originale Persönlichkeit gedacht und angelegt. Aber ich frage mich ernsthaft: Wenn Gott ein Bild davon hat, wer ich einmal werden sollte nach seinem Willen, bin ich dann überhaupt noch erkennbar durch das hindurch, was ich aus mir selber gemacht habe nach meinem Willen?
Ist nicht auch mein Leben ein Fragment geblieben? Mit vielen weissen Stellen?
Was ist mit der Suche nach dem Sinn des Daseins: Ausgespart?
Was ist mit der Frage nach dem Stellenwert Gottes in meiner Existenz: Abhandengekommen?
Was ist mit der Bereitschaft, Jesus Christus Antwort zu geben auf sein Angebot: Verlorengegangen?

Vor vielen Jahren diskutierte ich einmal mit einem klugen, nachdenklichen Mann, ob das Beten noch zeitgerecht und sinnvoll sei. Er sagte mit allem Ernst: „lch falte jeden Tag die Hände und schicke Gott ein Dankgebet. Fast eine Art Gruß an seine Adresse, dass ich ihn nicht vergessen habe.“

Was, wenn Gott das gleiche täte, wie wir damals bei Karl Unterberger? Wenn er eine Wand im Himmel freimachte, so groß, dass für jeden meiner Tage ein Dankeschön und Lebenszeichen Platz hätte? Bis heute, so habe ich ausgerechnet, wären das, seitdem ich verantwortungsvoll denken und reden kann, siebzehntausend Möglichkeiten. Und wie viel weisse Stellen?
Ist das der Grund, warum mein Leben so fragmentarisch ist und warum Gott und ich so grosse Zweifel haben an meiner Identität?

 

Karlheinz Binder

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523. Nachdenkliches für Manager – Diskongruenz 6-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

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Diskongruenz

Als ich in die Einfahrt zu meinem Haus einbog, atmete ich tief und erleichtert auf.
Es waren harte Tage gewesen. Voll gepackt mit kraftzehrenden Terminen, viel Geduld abfordernden Gesprächen, mit problematischen Verhandlungen und wenigen Momenten des erfolgsstolzen Gefühls, etwas erreicht zu haben.

Aber nun lag das alles hinter mir, und ich freute mich auf das Wochenende.
Seit Tagen schien die Sonne von einem tiefblauen Himmel, und die Meteorologen sicherten zu, so bleibe es auch.

Ich würde mich in den Garten oder auf die Veranda legen, das vor Wochen begonnene Buch endlich weiter lesen, hinaufblinzeln in das goldgrüne Geflimmer der Birkenblätter, zusehen, wie sich die Zweige gemächlich im Wind bewegen und einfach entspannen, faul sein in einer behaglichen Müdigkeit.

Ich stieg aus dem Auto, schloss die Tür, und als ich mich umwandte, stand meine komplette Familie vor dem Eingang. Ein fröhliches, warmherziges Empfangskomitee. Meinen beiden Söhnen über den Kopf streichend, nahm ich meine Frau glücklich in den Arm. Es war gut, heim zu kommen.

„Was hast du morgen und übermorgen vor?“ fragte sie mich, als wir alle beim Abendessen saßen; und als ich mit dem Nachdruck der Erleichterung sagte: „Ausruhen!“, da erlebte ich plötzlich und mit tiefer Betroffenheit, wie dieses eine Wort die Fröhlichkeit und das Lachen auf den geliebten Gesichtern auslöschte.

Ich sah meine Frau fragend an und sie wandte sich zu meinen beiden Kindern: „Sagt es dem Vater selbst.“
„Aber der Jüngere schüttelte resigniert den Kopf und der Ältere presste heraus: „Ist schon gut, Vater“, und dann standen sie beide auf, gingen aus dem Zimmer, und an der Haltung seiner Schultern sah ich, dass der Kleine weinte.

„Was ist los?“, forschte ich.
„Sie wollten dir vorschlagen, bei diesem herrlichen Wetter einen Ausflug in den Zoo zu machen Den ganzen Tag heute gab es kein anderes Thema als die Elefanten, die Affen, die Eisbären und die Pinguine. Weißt du, sie haben sich riesig darauf gefreut, aber ich verstehe, dass du am Wochenende deine Ruhe brauchst“. Und dann setzte sie zwei Worte hinzu, die mich in besonderer Weise trafen: „Wie immer.“

Es wurde kein guter Abend, für niemanden von uns . Wir schwiegen uns an, jeder wartete auf ein befreiendes Wort, und keiner fand es.
Als ich im Bett lag spürte ich Erbitterung In mir. Über den verdorbenen Abend, über den Umstand der nervös machenden Schlaflosigkeit und dass meine Familie nicht begreifen konnte, wie sehr ich auf das Durchatmen und Kraftholen an solchen wenigen freien Tagen angewiesen war. Brauchte es da nicht wirklich und wahrhaftig mehr Rücksicht?

Ich starrte hinauf an die Zimmerdecke, wo sich die von der Gartenleuchte und den Baumzweigen gemalten Schatten im Nachtwind bewegten.-
Wie eigentlich, überlegte ich nach einer ganzen Weile, wie eigentlich sah die ganze Situation aus dem Blickwinkel meiner Familie aus?
Brachte ich nicht den ganzen Tag meinen Mitarbeitern in der Firma immer wieder den einen, allerwichtigsten Grundsatz des Marketingdenkens bei, alles aus der Situation und der Problemlage unserer Kunden zu sehen, damit adäquate Lösungen und Angebote entstehen? Kongruentes Verhalten schafft dauerhafte und freundschaftliche Geschäftsbeziehungen.

Und in meiner Familie?
Da hatte einer ein enorm erfolgreiches Buch geschrieben „Beruflich Profi, privat Amateur“ hieß es.
Schon die dritte oder vierte Auflage hatte man nachdrucken müssen. Gab es da viele mit dem gleichen Leiden? Und wenn schon, dachte ich, in diesem Punkt gibt es keine tröstenden Solidaritätsgefühle, hier steht jeder allein da mit seinen Entscheidungen. Und mit seiner Schuld?
Waren vielleicht die Vorstellungen meiner Söhne, die ich als zeit- und kraftzehrend empfand, in Wahrheit die einzig wichtigen und wirklichen Bedürfnisse? Weil sie mich brauchten, als einen präsenten, erlebbaren, sich mitteilenden Vater? Als einen, mit dem man fröhlich sein konnte, und zwar jetzt. Nicht erst dann, wenn man selber erwachsen ist?
Konnte man von einem Kind überhaupt Verständnis erwarten oder verlangen für das, was wir im Arbeitsleben und auf der Karriereleiter so eminent wichtig empfinden?
Irgendwann, ging es mir durch den Kopf, irgendwann wird die Zeit kommen, In der meine Frau und vor allem ich auf die Geduld, das Verstehen und die Liebe unserer Kinder angewiesen sein werden. Hatte ich überhaupt ein Recht darauf? Keine Bank auf der Welt zahlt ein Kapital aus, wenn es nicht vorher angespart ist. Konnte ich Zuwendung erwarten, ohne sie selber zu geben?
Und Zeit, Liebe, Fröhlichkeit, Hingabe, Vergebungsbereitschaft? Waren das nicht alles investive Werte?
Und meine Frau? Stand sie nicht unter dem traurig machenden Druck von zwei Erwartungsebenen? Im ständigen Konflikt zwischen der Liebe einer Mutter und der Liebe einer Ehefrau?
Zugegeben, ich war in finanzieller Hinsicht ein grosszügiger Mensch, aber reichte das aus, Vater zu sein?

Ich erinnerte mich an eine Stelle aus dem Hohelied in der Bibel: „Und wenn einer allen Besitz in seinem Haus anstelle der Liebe geben wollte, es würde nicht genügen!“
Und Paulus hatte dieses Wort aus dem Alten Testament aufgegriffen, um den Christen in Korinth deutlich zu machen, dass einer, der sich von Gott geliebt weiß, nicht ohne Liebe zum Nächsten bleiben kann und darf. „Und wenn einer noch so großartige Begabungen hätte, Überzeugungskraft, Wissen, Intelligenz, Weisheit und Tüchtigkeit“, schreibt er, „und wenn dieser Eine noch so großzügig und sozial wäre, wenn sein Herz nicht von Liebe erfüllt ist, dann zählt all das andere nicht, es ist nichts wert vor den Augen Gottes.“

Ich stand auf und ging hinüber in das Kinderzimmer. Eine Weile stand ich und hörte auf die Atemzüge meiner beiden Söhne. Als ich Licht machte, fuhren ihre Strubbelköpfe neugierig hoch.
„Hier ist ein alter, dummer, egoistischer Affe“, grummelte ich, „und ich wollte Euch nur noch sagen: Morgen fahren wir und besuchen meine Verwandten im Zoo“.
Vier Hände umfingen mich mit einem zweistimmigen Freudenschrei, und ich wusste: Die Meteorologen hatten recht, es würde ein schöner Tag sein.

 

Karlheinz Binder

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522. Nachdenkliches für Manager – Geschriebenes 5-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Geschriebenes

„Das ist doch nicht möglich“, sagte Kurt Salzmann zu mir, „Sie waren früher bei der Philipp Schmidt AG? Kennen Sie noch den Werbeleiter Wohlfahrt?“, und als ich nickte, fuhr er fort: „Er ist mein Schwiegervater, ich habe seine jüngste Tochter zur Frau. Wie ist die Welt doch klein. Und das Lustigste: Er ist gerade bei uns hier zu Besuch, wollen Sie ihm mal Guten Tag sagen?“

Wohlfahrt hatte Sich kaum verändert. Noch immer hielt er die Schultern ein wenig schräg, die Lachfalten in seinen Augenwinkeln waren nach wie vor Kontrastprogramm zu seinem breiten, kantigen Kinn, und dieses wiederum waagerecht mildernd unterstrichen durch eine gepunktete Fliege. Aber nie hätten wir es uns erlauben dürfen, dieses Accessoire mit einem so prosaischen Wort zu bezeichnen. Er legte Wert darauf, dass es ein Querbinder sei und nutzte jede Gelegenheit, um wortgewandt und überzeugend zu betonen, Schlipse und deren Träger tendierten in deprimierender Weise zur phantasielosen Durchschnittlichkeit.

Wir schüttelten uns in herzlicher Wiedersehensfreude die Hand, und ich dachte dabei
zurück an meine erste direkte Zusammenarbeit mit ihm.
Wir hatten einem unserer wichtigsten Kunden ein neues Produkt zu demonstrieren. Wohlfahrt stellte die Werbekampagne vor, und ich sprach über das Marketingkonzept. Es war mein erster verkaufsentscheidender Auftritt und ich hatte den Eindruck, alles liefe gut.

Gegen Mittag fuhren wir mit den Besuchern in ein angemessen edles Restaurant in der nahe gelegenen grossen Stadt. Gespräch und Diskussionen setzten sich fort, und dabei kamen Wohlfahrt eine ganze Reihe weiterer Gedanken, was man noch tun und sagen und darstellen könne.
Er schob mit seinem linken Arm alles erreichbare Geschirr auf die Seite, zog den Kugelschreiber und fing an, mit Vehemenz und geübter Hand das Konzept auf der blütenweißen Damast-Tischdecke zu skizzieren.
Als die ihm zur Verfügung stehende Fläche nicht mehr ausreichte, drehten wir mit großem Hallo und vereinten Kräften den runden Tisch um 90 Grad weiter und schufen so die Grundlage für einen ungehindert fortlaufenden Kreativitätsprozess, während der vornehme Oberkellner uns empört schweigend strafende Blicke zuschickte. Erst ein großzügiges Trinkgeld und, unter Vorweisen der Kreditkarte, die verbindliche Zusage, das wertvolle Tuch dürfe und solle selbstverständlich auf die Rechnung gesetzt werden, machten ihn wieder zum friedlichen Menschen, der es sich allerdings nicht verkneifen konnte, uns durch seine Art beim Abschied dezent zu signalisieren, dass er uns für Banausen hielt.

Aus diesem Geschehen begriff ich: Wohlfahrt war einer jener gefürchteten Zeitgenossen, die zwar ständig wertvolle Gedanken, aber nie Papier bei sich haben und deshalb unkonventionelle Wege gehen müssen, um sich und der Nachwelt ihre Einfälle zu erhalten.
In seinem Büro war der glatte Putz aller vier Wände mit Notizen, Skizzen und Daten bedeckt. Da fanden sich Einschaltpreise, Rabatte, Reichweiten der Werbeträger, Adressen von Kunden und Agenturen, Kompositionsentwürfe für Slogans.
Sein Telefon besaß eine extrem lange Zuleitungsschnur, und wenn er mit jemandem sprach, hatte er den notwendigen Aktionsraum, um seinen originellen Datenspeicher zu benutzen.
Alle Versuche, ihn zu einem im Sinne der Zivilisation ordentlichen Menschen zu erziehen, schlugen fehl. Er sagte und hielt dabei den Zeigefinger seiner überaus großen Hand mahnend empor gereckt: „Bis ich Papier gefunden habe, ist die Idee weg. Und im übrigen: Auch Gott hat wichtige Notizen an die Wand geschrieben, falls ihr Grünschnäbel das nicht wisst. Nachzulesen bei Daniel, Kapitel 5.“
Dagegen gab es keine Argumente.

Und dann kam dieser Tag eine Woche später.
Wohlfahrt und ich saßen gerade in meinem Büro zusammen, als der Marketingleiter unseres Kunden anrief. Sein zuständiges Vorstandsmitglied müsse für längere Zeit verreisen, und er habe sehr kurzfristig noch einen Termin. Den könne er nutzen, um eine Entscheidung über unser neues Produkt zu bekommen, aber am Preis müssten wir schon noch etwas tun. Vielleicht so eine Art Einführungsrabatt. Um genau 14 Uhr sei er ausser Haus unter der Telefon-Nummer 8635217 zu erreichen, danach nicht mehr und das bedeute 2 bis 3 Monate Sendepause.

Ich schrieb mir die Nummer auf einen Zettel, klopfte Wohlfahrt mit allem Respekt auf die Schultern, sagte: „Den Auftrag haben wir so gut wie in der Tasche und meldete mich beim Chef an, um das OK zu holen. Als ich in mein Büro zurückkam, war es 5 Minuten vor Zwei. Ich wartete noch ein Weilchen, griff dann zum Hörer und fand den Zettel mit der Telefonnummer nicht wieder. Ich blätterte zwei oder dreimal alle Notizen und Dokumente durch, sichtete mit wachsender Hektik den Inhalt meines Papierkorbes, durchwühlte alle meine Taschen, rannte über den Flur, zwei Stockwerke hinunter und wieder den Gang entlang bis in Wohlfahrts Büro, und mit fast verzweifelter Stimme rief ich:“Die Telefonnummer, ich finde sie nicht wieder!
„ Wohlfahrt streckte mir seine große Faust entgegen, öffnete sie, und quer über die Runen und Linien geschrieben stand: 8635217. Meine Rettung.
„Ich notiere mir immer irgendwo, was wichtig ist•, sagte er, auch wenn ihr anderen die Art und Weise chaotisch findet, aber dabei“, und er zeigte auf seine Hand, „geht wenigstens nichts verloren“.

Ich lächelte, als ich an dieses Geschehen zurückdachte und sagte zu dem alt gewordenen und dennoch so wenig veränderten Wohlfahrt: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie immer ein Vorbild für mich waren? Mit Ihrer freundschaftlichen Kollegialität, Ihrem unbekümmerten schöpferischen Denken, dem Mut, Original zu sein“

„Ach, sagen Sie das nicht“, erwiderte er, „mir ist allmählich klar geworden: Jeder von uns ist ersetzbar. Da leben auf dieser Erde ein paar Milliarden Menschen, und ich bin nur einer von ihnen, unwichtig“.
„Nein“, sagte ich, „wissen Sie noch, wie Sie damals angemerkt haben, dass Gott in Sachen König Belsazar eine wichtige Mitteilung an die Wand geschrieben hat? Das war nicht die einzige Notiz, von der wir wissen. Da klagen die Bewohner Jerusalems: Der Herr, unser Gott, hat uns verlassen und vergessen, und Gott antwortet, ich, euer Gott, vergesse euch nicht! Ich habe dich unauslöschlich in meine Hände geschrieben.
Und wenn wir uns noch so unbeachtet, unbedeutend und unbeobachtet vorkommen, auch Gott notiert sich, was ihm wichtig ist, weil er will, dass nichts verloren geht.“

Vielleicht, dachte ich, als wir uns verabschiedet hatten, vielleicht sollte man sich eine solche Aussage Gottes, die Liebeserklärung und zugleich Anmahnung ist, bleibend festhalten? Zuhause an die Wand schreiben?
Oder womöglich sogar hinter die Ohren?

 

Karlheinz Binder

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521. Nachdenkliches für Manager – Das Notizbuch 4-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Das Notizbuch

Die Situation war peinlich.
Wir standen uns gegenüber, Gregor Mahlmann hinter seinem Schreibtisch, eine Hand auf die Platte gestützt, die andere umklammerte die Seitenkante, als wolle er sich und das Möbelstück festhalten, und ich mit dem Aktenkoffer in der Hand frei im Raum.
„Nun ist es also so weit“, sagte er, ohne mich dabei anzusehen. „Ja“, erwiderte ich, und es blieb bei diesem einen Wort.
Seit fünf Jahren leitete er das Unternehmen, und in der Anfangszeit waren wir alle sehr von ihm beeindruckt. Optisch von seiner breitschultrigen Figur mit einem Gardemaß von einem Meter und achtundachtzig Zentimeter, akustisch von seiner volltönenden Bruststimme, deren Variationsbreite vom murmelnden Pianissimo bis hin zum durchdringenden Feldgeschrei reichte.
Vom Start weg hatte er ein enormes Tempo vorgelegt, und alle, die sagten, das würde er nicht lange durchhalten, mußten ihre Meinung revidieren.
Er blieb aktiv, voller Dynamik, steckte Zwölf-, Vierzehnstundentage mühelos weg, und mehrere Male erlebte ich es, daß uns Geschäftspartner beglückwünschten, einen solchen Mann im Konzern zu haben. Im Anfang qualmte er noch Zigarren, zehn oder zwölf am Tag, aber als sich die Ansicht bildete, ein selbstbewußter Mann dürfe unmöglich in aller Öffentlichkeit demonstrieren, daß er die orale Schnullerphase noch immer nicht überwunden habe, hörte er in einem Akt energischer Selbstzucht von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen auf. Und damit wuchs die Schar seiner stillen Bewunderer.
Aber nach rund drei Jahren fing die Firma, die er im Unternehmensverbund leitete, allmählich an zu stagnieren, und dieser Stillstand ging mit wachsender Beschleunigung in einen Abwärtstrend über.
Alarmiert griff die Konzernleitung ein. Die Analyse ergab: Organisatorisch war alles in Ordnung, Märkte wurden gründlich bearbeitet, die Kunden hervorragend betreut, aber sie kauften immer weniger, weil, wie sie sagten, die Konkurrenz den besseren technischen Standard habe und inzwischen auch preiswerter liefere. Mahlmanns Ehrgeiz war es gewesen, Jahr für Jahr mit erstaunlichen Gewinnen Tagesgeschäft zu betreiben, aber er hatte nicht in die Zukunft investiert, keine technischen Entwicklungen vorangebracht, Trends und Märkte nicht beobachtet.
Er und seine Leute hatten vor lauter Tempo das Nachdenken vergessen.
Es kam zu jener denkwürdigen Sitzung des Holding-Vorstandes. Wie bei den Azteken, die nach einer Mißernte ihren Göttern ein Menschenopfer brachten, um sie für die kommende Zeit gnädig zu stimmen, verfuhren die Bestimmenden mit Mahlmann. Trennungsbeschluss.
Nach dieser Konferenz rief mein Chef an, informierte mich über die Sachlage, und nach einer Pause des mutmachenden Luftholens sagte er: „Die Herren haben beschlossen, daß Sie die Firma übernehmen, sanieren und dann so lange weiterführen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Ich bin beauftragt, Sie zu fragen, ob Sie bereit sind, diese zusätzliche Belastung auf sich zu nehmen, aber“, und da gab er seiner Stimme einen entschiedenen Klang, „das ist wohl mehr eine Formalie“, und am Ton wußte ich, daß jeder Einwand sinnlos war.
Und nun standen Gregor Mahlmann und ich in seinem Büro, den Wechsel auf der Kommandobrücke zu vollziehen. Ganz unpathetisch, Feierlichkeiten waren wohl auch nicht angebracht.
Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und sagte: Ich wünsche Ihnen viel Glück für diese Aufgabe, mehr als ich hatte, und übrigens, wenn Sie daran interessiert sind, ich habe in meinem Notizbuch noch eine ganze Reihe von Ideen und Überlegungen, was alles getan
werden könnte. Ich bin vor lauter Arbeit nie dazu gekommen, darüber nachzudenken.•

Als ich stumm den Kopf schüttelte, gaben wir uns die Hand. Dann ging er.

Ich setzte mich auf seinen Stuhl, und er tat mir leid. Da hatte einer vor lauter Gegenwart die Zukunft verpaßt. Wenn er, überlegte ich, anstatt fleißig und geräuschvoll zu arbeiten, sich die Zeit genommen hätte, über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken, er säße jetzt noch hinter diesem Schreibtisch.
Aber wir alle tendieren wohl dazu, über dem Alltag das Grundsätzliche, über der Gegenwart die Zukunft, über dem Zeitlichen das Ewige und über der Welt Gott zu vergessen. Da haben wir Notizbuch und Herz voller guter Vorsätze und Absichten, und eines Tages ist es zu spät.
Ich erinnerte mich an den reichen Getreidebauern im Lukas-Evangelium. Der hatte genauso opportunistisch gelebt. Seine Überlegungen waren darauf konzentriert, wie er den momentanen Erfolg sichern konnte, damit er noch lange etwas davon hätte. Seine Scheunen waren voll, sein Konto wohl auch, nur Gott stand nicht auf seiner Rechnung. Der Planungshorizont reichte bis zu den eigenen Schuhspitzen, und das ist zu wenig. Wie, dachte ich, hätte eines fernen und doch so unausweichlichen Tages der himmlische Holding-
Vorstand in seiner alles entscheidenden Sitzung über mich zu urteilen?
Ein zweiter Fall Mahlmann?

 

Karlheinz Binder

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520. Nachdenkliches für Manager – Die Entdeckung (Agrigento) 3-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Die Entdeckung (Agrigento)

Die große Bahnhofsuhr zeigte genau 7 Uhr 24 als ich meine Autotür zuschloss.
In 7 Minuten würde mein Zug fahren, ich war gut in der Zeit.

Auf der Treppe zum Gleis 3 traf ich Joachim Schwarz• Wir kannten uns von kulturellen Veranstaltungen und begegneten uns des Öfteren auch bei gesellschaftlichen Anlässen. Er war Redakteur einer angesehenen Fachzeitschrift, und beide, sowohl er als auch sein Blatt, genossen einen guten, soliden Ruf.

„Wo geht es hin?“ fragte ich ihn.
„München“,sagte er, „und Sie?“
„Frankfurt“.

Wir drehten im Großraumwagen des Zuges zwei Einzelsitze zueinander und, um das Gespräch in Gang zu bringen, forschte ich neugierig: „Wie war das Wochenende?“
„Interessant, höchst interessant“, Iächelte er, „und ungewöhnlich.“
Ich beugte mich interessiert nach vorn: „Schiessen Sie los!“
„Ja“, sagte er, „eigentlich fing es als ein ganz normaler Sonntag an. Die Kinder machten einen Ausflug mit Freunden und auf diese Weise waren meine Frau und ich ganz allein.

Wir machten es uns so richtig gemütlich, saßen beim Frühstück, ließen uns die Brötchen schmecken und ich mir ganz besonders den Kakao. Der gehört für mich zu einem richtig schönen Wochenende.
Wir hatten das Radio an und hörten Musik. Dann kamen die Nachrichten. Nichts Besonderes, nichts Weltbewegendes: Ein prominenter Politiker hatte gefordert, dass die europäische Einigung weiter beschleunigt werden müsse, das Brutto-Sozialprodukt und die Wirtschaftsdaten lagen fast genau innerhalb der gesteckten Rahmenwerte, die Nationalelf hatte am Sonnabend ihr Länderspiel knapp mit 4:3 gewonnen, und im Hafen von Agrigento waren zwei Fährschiffe miteinander zusammengestossen, Personen wurden nicht verletzt. Das Wetter würde sonnig bleiben und keine Behinderungen auf den Autobahnen und Fernstrassen.

Und dann fragte mich meine Frau, wo eigentlich dieses Agrigento Iäge, und ich zuckte mit den Schultern und sagte, ich wüsste es nicht, irgendwo am Mittelmeer. Der Name klinge italienisch, aber ich könne ja mal nachsehen im großen Schulatlas meines Sohnes, weil mich das jetzt selber interessierte.
Ich ging also die Treppe hinauf in sein Zimmer.
Er hatte seine besondere Art Dinge aufzubewahren – er nannte das eine kreative Systematik, ich Chaos -, als ich also versuchte mich darin zurechtzufinden, um den Atlas zu entdecken, stieß ich auf ein Buch, das mich von seiner originellen Aufmachung her anzog. Es war in Jeans-Stoff gebunden, und auf der Vorderseite war ein Lederetikett aufgenäht, so wie Burschen es auch auf ihren Hosen tragen. Ich nahm es in die Hand und las: „Die Gute Nachricht“, und als ich in ihm blätterte, war es eine Bibel, ein Neues Testament. Flott und verständlich formuliert, übersichtliches Schriftbild, gute Typographie. Sie wissen, als einer der selber schreibt, sieht man so etwas ja mit anderen Augen. In gewisser Weise war ich überrascht, sozusagen im doppelten Sinn. Zum einen, dass es so etwas
Las er sie auch? Warum? Nahm er das ernst, oder war das vielleicht eine Art intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Buch, das man als wacher und denkender Mensch eigentlich gelesen haben sollte?
Ich hatte mir das seit vielen Jahren selber vorgenommen, aber nie hatte ich die Zeit und die innere Stimmung dazu gefunden.
War mein Sohn womöglich konsequenter?
Ich setzte mich auf die Bettkante und vertiefte mich in den Inhalt, und plötzlich begriff ich: Das war gar nicht ein weltfremdes, veraltetes, uns nichts mehr angehendes Werk, sondern ich war betroffen, nein mehr: Ich war getroffen von dem, was ich da las. Das war hautnah, zupackend, das zielte auf mich.

Irgendwann muss meine Frau wohl unruhig geworden sein, weil ich nicht wiederkam. Und sie fand mich im Zimmer meines Sohnes, ganz konzentriert. Sie setzte sich neben mich und sagte: „Das muss aber spannend sein, was du da hast, lies vor“. Und dann ging es ihr ähnlich wie mir.“

Joachim Schwarz lachte mich an, ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit, die wir doch sonst immer haben, wenn das Gespräch auf die Frage nach Gott kommt.
„Es war schon ein interessanter, ein seltener Nachmittag gestern. Wenn ich als Journalist dafür eine Headline formulieren müsste, dann wäre es wohl diese: „Columbus suchte Agrigento und entdeckte eine neue Welt!“

Der Zug verlangsamte sein Tempo. Wir würden gleich in Karlsruhe sein, wo ich umsteigen musste. Ich nahm meinen Koffer, gab Schwarz die Hand, herzlich und mit dem festen Druck des inneren Einverständnisses und stieg aus.

Warum, überlegte ich, warum denken wir Menschen so wenig darüber nach, was es heißt, die Bibel zu haben. Gott hat sich in ihr uns mitgeteilt. Alles, was wir über den Sinn unseres Lebens, über Gottes Liebe, über seine Zuwendung durch Jesus Christus wissen sollten und wissen können, steht in diesem Buch. Lesbar, greifbar, begreifbar, jederzeit.
Worte, die erschüttern, mahnen, erschrecken, trösten, heilen, Zuversicht geben, Hoffnung begründen, Entscheidung abverlangen. Worte der Liebe, der Gnade, der Freiheit, der Freude.
„Nehmt euch das alles zu Herzen“, sagt Gott den Israeliten, „denn es sind nicht leere Worte, sondern es ist euer Leben.“
Und Jesus Christus vertieft das und sagt seinen Zuhörern: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort Gottes, denn die Worte, die ich rede, die sind Geist und sind Leben.“

Joachim Schwarz suchte Agrigento und entdeckte eine neue Welt.

 

Karlheinz Binder

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519. Nachdenkliches für Manager – Der Geheimnisträger 2-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Der Geheimnisträger
Es war einer jener Wintertage, die man für lange Zeit im Gedächtnis behält: Tiefblauer Himmel, leuchtende Sonne, Rauhreif an allen Bäumen, Zäunen und Büschen. Fast windstill. Die Fahnen vor dem Thermalbad hingen bewegungslos an ihren hohen Masten.
Ein Schlitten mit fröhlichen Kurgästen fuhr vorüber, die Schellen am Geschirr der beiden Pferde klirrten und Iäuteten, und der Schnee knirschte unter den Kufen.

Ich atmete die klare Luft ganz tief und bewusst ein, während ich von meinem Hotel langsam hinüberging zum Kongress-Zentrum. Für die nächsten Stunden würde ich dort unter Kunstlicht und Klimaanlage sitzen und mir Vorträge anhören, aber gegen 11.00 Uhr, so stand es im Programm, waren 30 Minuten Kaffeepause, die würde ich nützen, um wenigstens zwischendurch der Sonne noch einmal Guten Tag zu sagen.

Vor der Saaltür traf ich Erich Weinberger, Inhaber und Chef einer mittleren Firma, der in der Branche den Ruf genoss, tüchtig und ideenreich zu sein.
„Haben Sie schon einen Platz?“ fragte er als wir uns die Hand gaben, „wenn nein, setzen wir uns zusammen“?

Ich mochte ihn. Er war einer, mit dem man reden konnte. Bei ihm gab es kein Bla-Bla. Gleich von den ersten Sätzen an wurden Gespräche mit ihm konstruktiv. Es war ein Gewinn, ihn zu kennen, und das hatte ich ihm auch einmal gesagt.
Seitdem waren wir uns näher gekommen. Noch nicht Freunde, aber auf dem direkten Weg dorthin.

In den letzten Monaten hatten wir viel über die Frage nach dem Sinn unseres Lebens gesprochen, waren tief hinabgetaucht in Regionen, wo das Grundsätzliche zum Persönlichen, zur Anfrage an uns selber wird. Ich erfuhr ihn immer wieder als einen klugen, unpathetischen und konsequenten Denker, und das war wohl auch der Grund, warum er geschäftlich Erfolg und menschlich viele Sympathien hatte. Nur an einer einzigen Stelle gab es bei ihm einen seltsamen Bruch: Wenn ich auf das zu sprechen kam, was die Konsequenz unseres christlichen Glaubens ausmacht, unser ganz persönliches Verhältnis zur Frage nach Jesus Christus, da wich er mir aus, wurde wortkarg , wechselte das Thema.
Hatte er sich damit noch nie befasst und fühlte sich deshalb unsicher? Zählte er das zu seinem Intimbereich und es war ihm peinlich, darüber zu reden? Gab es vielleicht gerade hier bittere Erfahrungen oder womöglich Verletzungen in seinem Leben?

Die nächsten zwei Stunden waren gefüllt mit Eröffnungsreden, Grußworten, Referaten, aber ich war nicht recht bei der Sache, zu schön war der Tag da draußen, und ich sehnte förmlich die Pause herbei und als der Moderator verkündete: „Wir unterbrechen jetzt für eine halbe Stunde und treffen uns um 11 Uhr 30 Minuten wieder hier im Plenum“, da stieß ich Weinberger an: „Kommen Sie, wir gehen vor die Tür, die Luft und die Sonne genießen.“
Wir holten unsere Mäntel aus der Garderobe, versicherten den misstrauisch äugenden Kollegen, dass wir ganz bestimmt und auf Ehre wiederkämen, ich hakte Weinberger unter, und als wir ins Freie traten, schaute er auf das zauberhafte Panorama und sagte: „lst das schön, mein Gott, ist das schön.“
„Womit wir schon beim Thema wären“,ergänzte ich lachend und sah ihn von der Seite an.

Eine ganze Weile ging er schweigend neben mir her, dann blieb er stehen, wandte sich mir zu, und als er redete, klang seine Stimme rau: „Sie wissen es ja Iängst, dass ich die Frage nach Gott vor mir herschiebe, und ich sage Ihnen jetzt auch den Grund: Es gibt da ein Konto in der Schweiz, ein Nummernkonto, von dem mein Finanzamt nichts weiß. Was passiert, wenn ich wirklich ernst mache mit diesem Jesus Christus? Was sind die Konsequenzen? Für mein Geld, für mich selber? Sie wissen, dass ich Sie mag und schätze, deshalb sage ich Ihnen das auch, aber bitte, lassen Sie mich in Ruhe, mit dem einen und auch mit dem anderen!“

Er ging nicht wieder mit hinein ins Kongress-Zentrum. Vor dem Eingang legte er mir die Hand auf die Schulter, drehte sich um, und seitdem haben wir uns aus den Augen verloren.

Ich weiß, Erich Weinberger wird nicht aufhören, nach dem Sinn seines Lebens zu fragen, aber er wird der Antwort an Gott auch weiterhin ausweichen. Er war deutlich geworden, weil er es nicht Iänger aushielt, mir gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben. Und vor Gott?
Handelte er nicht wie Jakobs Sohn Esau, der sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder für ein Linsengericht verkaufte, nur weil ihm im Augenblick der Hunger näher war und das andere in so weiter Ferne?

Da sagt Jesus Christus: „lch gehe jetzt hin zu meinem Vater, um Euch allen, die ihr an mich glaubt und Euer Vertrauen und Eure Hoffnung in mich investiert, eine Heimat zu bereiten“, und Erich Weinberger tauscht das ein gegen ein Nummernkonto in der Schweiz, weil ihm das Geld näher ist als das andere in so weiter Ferne.

Sind wir im Grunde nicht genau so? Wir können unser Geburts- und Heimatrecht einwechseln gegen ein hohes Gehalt, gegen das schulterklopfende Wohlwollen des Chefs, der Kollegen und unserer Bekannten.
Wir können es eintauschen gegen Erfolg und die Befriedigung unserer Wünsche und Erwartungsmodelle, das Ewige gegen das Zeitliche.

Wie heißt Dein Nummernkonto, Karlheinz Binder?

 

Karlheinz Binder

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518. Nachdenkliches für Manager – Status Quo 12-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Status Quo
„Hier sind die letzten Unterlagen für die Schlussbesprechung“, sagte meine Sekretärin und gab mir die Blätter in die Hand. Ich prägte mir noch einmal die wichtigsten Zahlen ein, legte alles in meine Konferenzmappe, und gerade als ich sie zuklappte, steckte mein Kollege Kurt Stoll seinen Kopf durch den Türspalt und fragte: „Hast Du noch einen Moment Zeit, bevor wir rübergehen?“

Ich rückte ihm einen Stuhl zurecht, er setzte sich und brannte eine Zigarette an: „Ich brauche Deine Schützenhilfe, wenn wir nachher die Planzahlen für nächstes Jahr endgültig verabschieden. Krug“, das war unser Finanzchef, „ist der Meinung, für unser Entwicklungsprojekt >Elektronische Qualitätsüberwachung> reicht die gleiche Summe wie in diesem Jahr. Aber ich brauche mindestens 50 Prozent mehr.
Ich gehe heute damit auf den Chef los, und Krug wird sich quer legen Kann ich mit Dir rechnen?“
Ich nickte, hakte ihn unter und zog ihn auf den Flur.

Als wir wieder aus dem Konferenzraum herauskamen, war es draußen schon finster geworden, es hatte angefangen zu schneien, und im Licht der Lampen am
Eingang unserer Empfangshalle sah man, wie sich die Büsche und Bäume unter einem heftigen, kalten Wind beugten.

„Danke“, sagte Stoll zu mir, „Du warst große Klasse, als Du meine Argumente aufgegriffen und verstärkt hast. Das war schon bundesligareif, wie wir uns den Ball zugespielt und die Tore geschossen haben. Krug ist zwar sauer, aber ich habe das Geld.“

Wir blieben stehen und sahen hinaus in die winterliche Dunkelheit. „Übrigens“, fügte Stoll an, „ab Montag gehe ich für drei Wochen in Skiurlaub, wir sehen uns also vor Weihnachten nicht mehr. Ich wünsche Dir schon heute von Herzen frohe Feiertage und für das Neue Jahr: Bleib, wie Du bist!“

Ich ging zurück in mein Büro, weil ich noch sehen wollte, was meine Sekretärin in der Zwischenzeit alles für mich notiert hatte.
Die letzten Worte von Kurt Stoll gingen mir nicht aus dem Kopf: „Bleib, wie Du bist.“

Ich erinnerte mich an meinen Großvater, für den diese Worte grundbestimmendes Lebensprinzip waren. Von den ersten Tagen meiner Kinderzeit kannte ich ihn über 25 Jahre lang, und immer war er sich, wie man so sagt, treu geblieben als ein aufrechter, kluger, kultivierter Mann mit klaren Grundsätzen. Da gab es kein Abweichen, keine Überraschungen. In gewisser Weise war er zu jeder Zeit berechenbar und wohl deshalb langweilte ich mich immer in seiner Gegenwart. Ich versuchte sein Herz zu entdecken und stieß auf Haltung.

Doch einmal geschah etwas. Es war zu Weihnachten. Großvater hatte sich, wie er das jedes Jahr tat, den ganzen Vormittag des Heiligabends in der guten Stube eingeschlossen, um den Tannenbaum zu schmücken. Niemals überließ er das einem anderen. Und als er uns dann durch GIöckchenläuten zur Bescherung Einlass gewährte, war es erneut ein Erlebnis, sein Kunstwerk zu sehen. Er hatte eine Begabung für Weihnachtsbäume. Wir beglückwünschten ihn herzlich für die meisterliche Dekoration, und als wir mitten bei der Bescherung waren, erstarrte Großvater förmlich, blickte angestrengt in die Zweige, die bunten Kugeln und das Engelshaar und erklärte, da gäbe es eine das Gesamtbild förmlich entstellende Asymmetrie, mehr noch, schon fast ein Loch in der Zuordnung des Christbaumschmuckes, und schon eilte er mit der Stehleiter herbei, drängte uns Platz zu machen, klappte sie auseinander und erklomm sie, den Blick fest auf das Ärgernis gerichtet. Er beugte sich weit hinüber, nahm eine der weissbereiften Kugeln von ihrem Ast, verlor das Gleichgewicht, Tannenbaum und Großvater umarmten sich, sanken förmlich ineinander, und unter Klirren, Knacken und Fluchen gingen sie vereint zu Boden, mitten in dem stattlichen Paradiesgarten, der sich unter Großvaters Gewicht zurückverwandelte in einen vorschöpfungsähnlichen Zustand. Und als Opa da mitten in den Trümmern seines gefühlvollen Festes lag, liebte ich ihn. Seine schwächste Stunde war für mich zu seiner stärksten geworden. Er war eine gefallene Respektsperson, ein Mensch.

Nein, ich wollte nicht so bleiben, wie ich war, so gut das Kurt Stoll auch gemeint hatte. Sagten wir nicht immer wieder zu unseren Mitarbeitern, dass Stillstand Rückgang sei? Betonten wir nicht ständig, dass Zukunft ohne Wachstum nicht möglich ist, dass Leben nur dort geschieht, wo Veränderung stattfindet?

Da stellte ein Christ in einem Vortrag, den er neulich hielt, die verblüffende Frage: „Was muss ein Mensch tun, um garantiert das Ziel seines Lebens und damit die Ewigkeit zu verfehlen?“
Und seine Antwort? „Bleib wie Du bist und rühr Dich nicht!“
Hatte darum Johannes der Täufer seine Zuhörer so dringlich und mit aller Leidenschaft ermahnt, Buße zu tun?
Nachzusinnen über ihre Art zu leben und zu denken mit der Bereitschaft für Konsequenzen?
Heraus aus ihrer selbstbetrügerischen Sicherheit und der Erstarrung in Gewohnheiten, die wir und vielleicht sogar andere an uns gut finden, die aber in den Augen Gottes einen ganz anderen Stellenwert haben?
Wollte Johannes Menschen bereit machen zu einer lebendigen Begegnung mit Jesus Christus, als er ihnen zurief: „Bereitet dem Herrn einen Weg,“
Mitten hinein in unser Leben? Nicht Status quo, sondern Aufbruch, Dynamik?

„O Gott“, sagte ich und sah aus dem Fenster hinaus in die Winternacht, „lass mich nicht so bleiben, wie ich bin. Ich will leben, wachsen. Nimm mir alle meine Standpunkte weg, auch wenn ich Angst habe, damit Sicherheiten einzubüssen. Schick mich durch Lernprozesse, durch Krisen, damit ich reife und klug werde für das, was Du Deine Ewigkeit nennst. Gib mir, gib uns ein wirklich und wahrhaftig neues Jahr.“

 

Karlheinz Binder

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517. Nachdenkliches für Manager – Sicht null 11-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Sicht null
Ich machte die Scheinwerfer aus, stellte Scheibenwischer und Motor ab, schloss die Wagentür und ging durch den grauen Nieselregen hinüber zum Gebäude des kleinen Regional-Flughafens.
„Ein trostloser Morgen“, sagte mein Kollege Weber zu mir, als wir uns im Warteraum trafen. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und nickte.

Der Kopilot holte uns ab und führte uns zu der zweimotorigen Reisemaschine, die uns zur Sitzung nach Saarbrücken fliegen sollte.
Der Pilot saß schon im Cockpit, und als wir einstiegen, drehte er sich zu uns um: „Bitte bleiben Sie nachher die ganze Zeit angeschnallt, es wird ein bisschen unruhig und schaukelig werden. Wir dürfen heute nicht über 8000 Fuß, weil weiter oben Manöver sind.“

Er ließ den Vorhang zum Passagierraum offen, und ich konnte von meinem Platz aus zusehen und zuhören, wie sie die Checkliste durchgingen. Sie starteten die beiden Triebwerke, setzten die Klappen und rollten zum Start.
Wir hatten kaum abgehoben, da waren wir schon mitten in der geschlossenen Wolkendecke, Sicht null.

Ich sah angestrengt aus dem Fenster und konnte noch nicht einmal mehr das Ende der Tragfläche erkennen, nur den gedämpften, rhythmisch aufzuckenden Widerschein der Begrenzungsleuchte.

„Möchten Sie einen Kaffee“, fragte uns einer der beiden Flugzeugführer und zeigte mit dem Finger auf den Automaten, der seine Lieferbereitschaft durch ein rotes Kontrolllicht kundtat.
„Nein danke“, riefen Weber und ich völlig simultan, und wir lachten noch nicht einmal dabei.

Auf dem Radarschirm wanderte der schmale Suchstrahl wie ein Scheibenwischer unablässig hin und her und hinterließ bizarre Konturen und in ihnen helle Punkte. Ob das wohl die Militärmaschinen weiter oben waren? Und ob sie auch uns in der Ortung hatten?

Wir erreichten die vorgeschriebene Höhe und gingen in den Horizontalflug über.
Draußen war noch immer absolut nichts zu erkennen, nur graue Düsternis aus der die Nässe waagrechte Regenbahnen über die Fenster zog.
Im Bordlautsprecher, den die Piloten eingeschaltet hatten, meldete sich die frequenzverzerrte Stimme eines Fluglotsen und gab für mich nicht verstehbare Anweisungen Die Maschine legte sich spürbar auf die Seite, änderte den Kurs, und immer wieder kamen neue Instruktionen.
Ich hatte jede Orientierung verloren, für rechts und links, oben und unten. Nach meinem Gefühl flogen wir eine Kurve nach der anderen, und dann kamen die ersten Turbulenzen. Unvermittelt und heftig.
Weber zog seine Jacke aus, schnallte sich wieder an und verkrampfte sich in seine Konferenz-Unterlagen. Ob er Angst hatte?

Da sind unter deinen Füssen ein paar Spanten, wenige Millimeter Aluminium und dann runde 3000 Meter nichts, überlegte ich. Über uns superschnelle Jäger, um uns herum totale Sichtlosigkeit und in mir ein gegen die Schaukelei ankämpfender Magen und das beklemmende Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins.
Wenn auch in Saarbrücken die Wolken bis fast auf den Boden reichten, würden wir überhaupt die Landebahn finden?

Vor ein paar Jahren hatte es in einer Illustrierten die Serie gegeben: „Runter kommen sie immer!“
Ich fing an, mich an Einzelheiten aus den Tatsachenberichten zu erinnern und immer wieder musste man feststellen: Das schwächste Glied in der Kette der Absicherungen war der Mensch selber. Ob die zwei da vorn überhaupt noch wussten, wo wir waren?
Wenn man wenigstens etwas sehen könnte. Einen Horizont hätte, auf den hin Orientierung möglich wäre. Irgendeinen festen Punkt, an den sich Auge, Gleichgewichtsgefühl und Zuversicht klammern könnten.

Das Flugzeug stieß steil nach unten. Ich hörte die Elektromotoren der Landeklappen summen, das Fahrwerk polterte aus dem Schacht, in ungefähr 200 Meter Höhe kamen wir aus den Wolken und genau vor uns lagen die beiden langen Lampenreihen der Rollbahnbegrenzung.
Als die Triebwerke stillstanden, kam der Pilot zu uns nach hinten, betrachtete lächelnd unsere blassen Nasen und gab uns wortlos die Hand.

Auf der Fahrt in die Stadt setzte ich mich hinten in das Taxi, schloss die Augen und dachte nach: Wie oft hatte es in meinem Leben ähnliche Situationen gegeben. Ereignisse, die Ratlosigkeit und Angst in meine routinierte Sicherheit einbrechen ließen. Wo ich im Augenblick keine Lösung sah, nicht den berühmten Silberstreif am Horizont, nur perspektivlose Finsternis, Sicht null.

Dem Propheten Jesaja war es genauso ergangen, bis an die Grenze der Verzweiflung und mitten in einer solchen Phase hatte er niedergeschrieben: „Der im Finsteren wandelt und es scheint ihm kein Licht, der hoffe auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott.“
Woher nahm er diese Zuversicht? Aus seinem unbedingten Vertrauen zu Gott?
Erinnerte er sich dabei an König Davids Sätze aus dem Psalm 139? „Herr, Du durchschaust mich, Du kennst mich durch und durch. Ob ich sitze oder stehe, Du weißt es. Du kennst alle meine Pläne. Ob ich tätig bin oder ausruhe. Du siehst mich. Jeder Schritt, den ich mache, ist Dir bekannt. Noch ehe ein Wort mir auf die Zunge kommt, hast Du, Herr, es schon gehört. Von allen Seiten umgibst Du mich, ich bin ganz in Deiner Hand.“
Und ein paar Zeilen weiter: „Steige ich hinauf in den Himmel: Du bist da. Fliege ich dorthin, wo die Sonne aufgeht, oder zum Ende des Meeres, wo sie versinkt, auch dort wird Deine Hand nach mir greifen, auch dort lässt Du mich nicht los. Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken. Und wenn ich in Gefahr bin, mich von Dir zu entfernen, dann bring mich zurück auf den Weg zu Dir.“

Danke Jesaja, danke David für solche Worte, obwohl ihr nie nach Saarbrücken geflogen seid.

 

Karlheinz Binder

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516. Nachdenkliches für Manager – Die Quittung 10-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Die Quittung
„Möchten Sie auf der Terrasse frühstücken?“ fragte mich der Ober, und als ich nickte, ging er vor mir her, führte mich zu einem der Tische, strich die Decke noch einmal glatt und rückte den Stuhl zurecht: Kaffee oder Tee?
„Kaffee“ sagte ich und genoss den klaren, taufrischen Morgen mit seinem Amsel-Gesang, der weichen, sachten Brise vom nahen Wald her und mit dem unternehmungslustigen Schilpen der Sperlinge, die sich erwartungsvoll auf den benachbarten Stuhllehnen postierten, weil sie mich mit sachkundigem Hotelspatzenblick wohl für einen hielten, der beim Brötchenschneiden krümelt.
Ich tat ihnen den Gefallen, ganz kameradschaftlich und ausgiebig; und als ich neugierig um mich schaute, wie groß denn inzwischen die Schar meiner gefiederten Tischgenossen geworden war, sah ich ihn plötzlich, Paul Kaltenbach. Er saß ein paar Tische weiter und hatte mich noch nicht bemerkt, weil er in seine Zeitung vertieft war.

Ich betrachtete nachdenklich das Profil seines Gesichtes.
Er hatte sich kaum verändert seit er sich damals von uns verabschiedete, um in Pension zu gehen. Wie lange war das her? Mit Sicherheit fünf Jahre, vielleicht sogar schon sechs.

Noch immer lag dieser trotzige Zug um seinen Mund, noch immer schob er sein Kinn vor, als gelte es, im nächsten Moment anzugreifen. Er war eine Kämpfernatur. Einer, der nicht eher locker ließ, bis er seinen Willen durchgesetzt und seine Ziele erreicht hatte.
„Ich bin eben ein Hardliner“, sagte er gern und nicht ganz ohne Stolz von sich selber.
Er machte seine Geschäfte im gleichen Stil, wie er auch Tennis spielte: Immer in der Vorhand, immer aggressiv, selbst denen gegenüber, die versuchten, seine Freunde zu sein. Für ihn war Erfolg das Wichtigste, und er hatte ihn auch, in einem ungewöhnlichen Maß.
Seine Firma und die Branche verdankten ihm viel. Er hatte ihnen öffentliche Geltung verschafft, Märkte erobert, Siege gefeiert und dabei seine Leute bis zum Äußersten gefordert und geschunden.
Um gerecht zu sein: Er war kein Ausbeuter gewesen, aber einer, der Menschen als Produktionsfaktor betrachtete, einzusetzen unter dem Gesichtspunkt höchster Effizienz. Er war großzügig und jovial, solange einer das Tempo mithielt und sein Erwartungsmodell erfüllte. Schaffte er es nicht, schnitt er ihn ab von jeder persönlichen Verbindung und ließ ihn am Weg liegen. Und als ihn deshalb einmal jemand zur Rede stellte, antwortete er mit beeindruckendem Lachen und einem warnenden Glitzern in den Augen, er halte es da mit Napoleon der gesagt habe, Fußkranke behinderten nur den Vormarsch und damit den Sieg.

Ich legte meine Serviette neben die Kaffeetasse, stand auf, ging die wenigen Schritte zu ihm hinüber, sagte „Guten Morgen“ und setzte mich.
Er erkannte mich sofort. „Was machen Sie hier?“, fragte er und ich erklärte ihm, warum ich es vorgezogen hatte, nicht mitten in der Stadt, sondern hier an der Peripherie zu übernachten und beendete meinen Satz mit den Worten: „Und Sie?“
„Ich wohne hier“, sagte er, „das Hotel hat in den oberen Stockwerken Appartement-Wohnungen. Da ist man ganz und gar sein eigener Herr und hat dennoch den gesamten Service.“

Ich sah ihn fragend an, und er verstand meinen Blick: „Meine Frau und ich haben uns getrennt. Um ganz korrekt zu sein, sie ist mir weggelaufen und wohnt jetzt bei den Kindern.“
„Haben Sie noch Kontakt zu den früheren Kollegen?“
“Kaum, aber das macht mir nichts aus. Und wenn ich schon mal eingeladen werde zu irgendeiner Feier, dann gehe ich einfach nicht mehr hin. Ich brauche die anderen nicht.“ Es klang fast zornig, wie er das sagte. Er klappte seine Zeitung hastig zusammen, erhob sich, gab mir die Hand und weg war er.
Ich ging langsam zurück an meinen Tisch, schenkte mir noch eine Tasse Kaffee ein und war betrübt, weil ich hinter den Worten und dem Verhalten des Paul Kaltenbach die verbitterte Einsamkeit spürte.
Da war dieser energische, hochbegabte, kraftvolle und zugleich rigorose Mann lange Zeit einer der Grossen in der Branche gewesen, aber durch seine Art und seine Erfolge hatte er über dem Wichtigen das Wesentliche versäumt und vergessen. Was uns so stark an unseren Beruf bindet, mit Leib und Seele, wie man immer so schön sagt, das trennt uns allmählich von den anderen Menschen. Weil eben nur echte menschliche Freundschaft, Liebe und Hingabe die Zäsur der Pensionierung überdauern, hatte Paul Kaltenbach, bewusst oder unbewusst, Prioritäten gesetzt, Weichen gestellt und dafür die Quittung präsentiert bekommen. Von seiner Frau, seinen Kollegen, den Geschäftsfreunden. Er, der noch vor ein paar Jahren Mühe hatte, überhaupt eine Lücke in seinem Terminkalender zu finden, zahlte jetzt mit Einsamkeit und stiller Verbitterung

„Ermahne die, die im Sinne dieser Welt reich sind“, schreibt der Apostel Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus, „dass sie nicht überheblich werden. Sie sollen ihr Vertrauen nicht auf etwas so Unsicheres und Vergängliches wie Erfolg und Reichtum setzen, sondern auf Gott. Wenn sie an guten Taten reich werden, schaffen sie sich eine sichere Basis für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben gewinnen.“

Ob Paul Kaltenbach jemals darüber nachgedacht hatte, was es heißt, sein Vertrauen auf Gott zu setzen und was „wirkliches Leben“ist?

Und wenn er mich danach gefragt hätte, könnte ich es ihm erklären?

 

Karlheinz Binder

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515. Nachdenkliches für Manager – Vertragloser Zustand 9-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Vertragloser Zustand
„Hallo“, sagte eine Stimme hinter mir, mitten aus dem Lärm der Get-together-Party, und eine Hand legte sich auf meine Schulter.
Ich drehte mich angemessen langsam um damit mein Bier nicht überschwappte und blickte in das lachende Gesicht von Bernhard Klasen.
„Schön, Sie endlich mal wieder richtig zu sehen“, ergänzte er.
Ich hob mein Glas, stieß es gegen das seine, sagte Cheerio und wir machten einen tiefen Zug, drängelten uns durch die vielen eifrig redenden Menschen in eine ruhigere Ecke und gaben uns die Hand.

Ich freute mich von Herzen über das Wiedersehen, denn wir beide hatten uns in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren. Ab und zu gab es Kontakte, aber sie waren immer unter Zeitdruck oder situationsbedingt auf Distanz, und dabei gab es eine Frage, die ich Klasen stellen wollte, ganz persönlich, unter vier Augen.

Der Anlass lag jetzt rund fünf Jahre zurück: Wir saßen uns bei einer Verbandstagung genau diagonal gegenüber, und das Thema um das es ging, war schwierig. Es war beschlossen worden, Grundsätze und Richtlinien für die Mitglieder zu formulieren, sie für allgemeinverbindlich zu erklären und beim Kartellamt eintragen zu lassen.
Wir waren uns alle darüber klar: Das würde ein schwerer, langer Marsch durch die Instanzen, und Bernhard Klasen sah in die Runde, gab ein eindrucksvolles Seufzen von sich und sagte:“Ich bin jetzt über fünfzig, gebe es Gott, dass ich das noch erlebe!“
Wir alle lachten, und ich rief ihm zu: „Machen Sie doch mit Gott einen Vertrag, dass er Sie so lange leben Iässt, bis wir unsere Richtlinien unter Dach und Fach haben. Das sichert Ihnen ganz bestimmt ein hohes Alter“, und Klasen sah mich plötzlich ernst an und antwortete leise: „An meinem Vertrag mit Gott formuliere ich schon seit 20 Jahren, aber…“ hier brach er seinen Satz ab, schaute intensiv in seine Unterlagen und sagte kein einziges Wort mehr. Selbst jetzt, 5 Jahre danach, erinnere ich mich noch sehr genau an den Ausdruck von Betroffensein und Verlegenheit in seinem Gesicht.

Ich sah Bernhard Klasen an und fragte ihn: „Denken Sie auch noch manchmal zurück an die Sitzung in Frankfurt, als es damals um die Verbandsrichtlinien beim Kartellamt ging?“
Er nickte. „Und wie steht es um Ihren Vertrag mit Gott? Ist er fertig? Unterschrieben?“, forschte ich weiter.
Und wieder senkte er seinen Blick, genau wie damals.
Er las sehr intensiv den Werbespruch der Brauerei auf der Umrandung seines Bierfilzes und drehte ihn dabei langsam um 360 Grad.

Ich wartete und sah ihn schweigend an, denn genau das war die Sache, über die ich schon lange mit ihm reden wollte. Mich interessierte die Antwort. Ich war gespannt: Wie geht einer mit der Frage nach Gott um, wenn er schon seit so vielen Jahren ganz dicht daran ist?

„Also das mit dem Vertrag“, sagte Klasen nach einer ganzen Weile, und er suchte dabei hörbar nach Worten, „das mit dem Vertrag liegt nicht so einfach, wie Sie das vielleicht sehen. Wenn zwei miteinander Vereinbarungen treffen, dann verpflichten sie sich ja zu bestimmten gegenseitigen Verhaltensweisen, und sie binden sich für eine definitive Situation oder in einer ausdrücklich formulierten Angelegenheit, und das hat Auswirkungen und Folgen sachlicher und juristischer Art.“
Als er merkte, dass ich ihm gespannt zuhörte, wurde sein Redefluss dichter, schneller, und dann hielt er mir rund 10 Minuten lang einen brillanten Vortrag über allgemeines und spezielles Vertragsrecht, so gewandt, so klug und so undurchschaubar, dass er sich dahinter verstecken konnte. So lange er redete, fühlte er sich sicher.
Und in mein Luftholen zu einer Antwort hinein sagte er: „Ich habe viel zu lange geredet, meine Leute warten auf mich, bis nachher“. Und fort war er.

Was sind wir nur für Menschen, dachte ich. Voll mit Wissen und unfähig zur Antwort.
Da bietet Gott im Alten Testament den Menschen siebenmal ein Bündnis an. Er macht damit ein Friedens- und Rettungsangebot, aber es bleibt einseitig, weil die Menschen viel zu sehr mit sich und ihrem Wohlstand beschäftigt sind, und selbst die schon fast flehentliche Ermahnung Gottes: „Hört doch, kommt zu mir. Hört auf mich, dann werdet ihr leben! Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen!“, verliert sich ohne Echo.

Da formuliert ein Bernhard Klasen Jahr um Jahr in dilettantischer Souveränität an seinem Vertrag mit Gott herum und begreift nicht, dass mit Jesus Christus, als dem sichtbar und erlebbar gewordenen achten Angebot Gottes, der endgültige Schlusspunkt unter den Vertragstext gesetzt ist. Es geht nur noch darum, ihn anzunehmen oder abzulehnen.
Das aber zu tun ist die freie, alleinige Entscheidung von uns Menschen, denn Gott vergewaltigt nicht.
Wie gern hätte ich Bernhard Klasen noch gesagt, was Paulus in dieser Frage an die Römer schrieb, als er ihnen schilderte, was genau besagte Auswirkungen und Folgen sachlicher, juristischer und persönlicher Art sind, wenn einer sich auf Jesus einlässt:
„ Ich habe die Gewissheit“, so formuliert Paulus, „dass uns dann nichts mehr von Gottes Liebe trennen kann. Weder Tod noch Leben, nichts Gegenwärtiges oder Zukünftiges, weder etwas im Himmel noch in der Hölle. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, hat Gott uns seine Liebe geschenkt. Und darum gibt es in der ganzen Welt nichts, was uns jemals von der Liebe Gottes trennen kann.“
Braucht man dazu wirklich 25 Jahre, Bernhard Klasen?

 

Karlheinz Binder

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