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521. Nachdenkliches für Manager – Diskongruenz 6-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Diskongruenz

Als ich in die Einfahrt zu meinem Haus einbog, atmete ich tief und erleichtert auf.
Es waren harte Tage gewesen. Voll gepackt mit kraftzehrenden Terminen, viel Geduld abfordernden Gesprächen, mit problematischen Verhandlungen und wenigen Momenten des erfolgsstolzen Gefühls, etwas erreicht zu haben.

Aber nun lag das alles hinter mir, und ich freute mich auf das Wochenende.
Seit Tagen schien die Sonne von einem tiefblauen Himmel, und die Meteorologen sicherten zu, so bleibe es auch.

Ich würde mich in den Garten oder auf die Veranda legen, das vor Wochen begonnene Buch endlich weiter lesen, hinaufblinzeln in das goldgrüne Geflimmer der Birkenblätter, zusehen, wie sich die Zweige gemächlich im Wind bewegen und einfach entspannen, faul sein in einer behaglichen Müdigkeit.

Ich stieg aus dem Auto, schloss die Tür, und als ich mich umwandte, stand meine komplette Familie vor dem Eingang. Ein fröhliches, warmherziges Empfangskomitee. Meinen beiden Söhnen über den Kopf streichend, nahm ich meine Frau glücklich in den Arm. Es war gut, heim zu kommen.

„Was hast du morgen und übermorgen vor?“ fragte sie mich, als wir alle beim Abendessen saßen; und als ich mit dem Nachdruck der Erleichterung sagte: „Ausruhen!“, da erlebte ich plötzlich und mit tiefer Betroffenheit, wie dieses eine Wort die Fröhlichkeit und das Lachen auf den geliebten Gesichtern auslöschte.

Ich sah meine Frau fragend an und sie wandte sich zu meinen beiden Kindern: „Sagt es dem Vater selbst.“
„Aber der Jüngere schüttelte resigniert den Kopf und der Ältere presste heraus: „Ist schon gut, Vater“, und dann standen sie beide auf, gingen aus dem Zimmer, und an der Haltung seiner Schultern sah ich, dass der Kleine weinte.

„Was ist los?“, forschte ich.
„Sie wollten dir vorschlagen, bei diesem herrlichen Wetter einen Ausflug in den Zoo zu machen Den ganzen Tag heute gab es kein anderes Thema als die Elefanten, die Affen, die Eisbären und die Pinguine. Weißt du, sie haben sich riesig darauf gefreut, aber ich verstehe, dass du am Wochenende deine Ruhe brauchst“. Und dann setzte sie zwei Worte hinzu, die mich in besonderer Weise trafen: „Wie immer.“

Es wurde kein guter Abend, für niemanden von uns . Wir schwiegen uns an, jeder wartete auf ein befreiendes Wort, und keiner fand es.
Als ich im Bett lag spürte ich Erbitterung In mir. Über den verdorbenen Abend, über den Umstand der nervös machenden Schlaflosigkeit und dass meine Familie nicht begreifen konnte, wie sehr ich auf das Durchatmen und Kraftholen an solchen wenigen freien Tagen angewiesen war. Brauchte es da nicht wirklich und wahrhaftig mehr Rücksicht?

Ich starrte hinauf an die Zimmerdecke, wo sich die von der Gartenleuchte und den Baumzweigen gemalten Schatten im Nachtwind bewegten.-
Wie eigentlich, überlegte ich nach einer ganzen Weile, wie eigentlich sah die ganze Situation aus dem Blickwinkel meiner Familie aus?
Brachte ich nicht den ganzen Tag meinen Mitarbeitern in der Firma immer wieder den einen, allerwichtigsten Grundsatz des Marketingdenkens bei, alles aus der Situation und der Problemlage unserer Kunden zu sehen, damit adäquate Lösungen und Angebote entstehen? Kongruentes Verhalten schafft dauerhafte und freundschaftliche Geschäftsbeziehungen.

Und in meiner Familie?
Da hatte einer ein enorm erfolgreiches Buch geschrieben „Beruflich Profi, privat Amateur“ hieß es.
Schon die dritte oder vierte Auflage hatte man nachdrucken müssen. Gab es da viele mit dem gleichen Leiden? Und wenn schon, dachte ich, in diesem Punkt gibt es keine tröstenden Solidaritätsgefühle, hier steht jeder allein da mit seinen Entscheidungen. Und mit seiner Schuld?
Waren vielleicht die Vorstellungen meiner Söhne, die ich als zeit- und kraftzehrend empfand, in Wahrheit die einzig wichtigen und wirklichen Bedürfnisse? Weil sie mich brauchten, als einen präsenten, erlebbaren, sich mitteilenden Vater? Als einen, mit dem man fröhlich sein konnte, und zwar jetzt. Nicht erst dann, wenn man selber erwachsen ist?
Konnte man von einem Kind überhaupt Verständnis erwarten oder verlangen für das, was wir im Arbeitsleben und auf der Karriereleiter so eminent wichtig empfinden?
Irgendwann, ging es mir durch den Kopf, irgendwann wird die Zeit kommen, In der meine Frau und vor allem ich auf die Geduld, das Verstehen und die Liebe unserer Kinder angewiesen sein werden. Hatte ich überhaupt ein Recht darauf? Keine Bank auf der Welt zahlt ein Kapital aus, wenn es nicht vorher angespart ist. Konnte ich Zuwendung erwarten, ohne sie selber zu geben?
Und Zeit, Liebe, Fröhlichkeit, Hingabe, Vergebungsbereitschaft? Waren das nicht alles investive Werte?
Und meine Frau? Stand sie nicht unter dem traurig machenden Druck von zwei Erwartungsebenen? Im ständigen Konflikt zwischen der Liebe einer Mutter und der Liebe einer Ehefrau?
Zugegeben, ich war in finanzieller Hinsicht ein grosszügiger Mensch, aber reichte das aus, Vater zu sein?

Ich erinnerte mich an eine Stelle aus dem Hohelied in der Bibel: „Und wenn einer allen Besitz in seinem Haus anstelle der Liebe geben wollte, es würde nicht genügen!“
Und Paulus hatte dieses Wort aus dem Alten Testament aufgegriffen, um den Christen in Korinth deutlich zu machen, dass einer, der sich von Gott geliebt weiß, nicht ohne Liebe zum Nächsten bleiben kann und darf. „Und wenn einer noch so großartige Begabungen hätte, Überzeugungskraft, Wissen, Intelligenz, Weisheit und Tüchtigkeit“, schreibt er, „und wenn dieser Eine noch so großzügig und sozial wäre, wenn sein Herz nicht von Liebe erfüllt ist, dann zählt all das andere nicht, es ist nichts wert vor den Augen Gottes.“

Ich stand auf und ging hinüber in das Kinderzimmer. Eine Weile stand ich und hörte auf die Atemzüge meiner beiden Söhne. Als ich Licht machte, fuhren ihre Strubbelköpfe neugierig hoch.
„Hier ist ein alter, dummer, egoistischer Affe“, grummelte ich, „und ich wollte Euch nur noch sagen: Morgen fahren wir und besuchen meine Verwandten im Zoo“.
Vier Hände umfingen mich mit einem zweistimmigen Freudenschrei, und ich wusste: Die Meteorologen hatten recht, es würde ein schöner Tag sein.

 

Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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