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517. Nachdenkliches für Manager – Der Geheimnisträger 2-91

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Der Geheimnisträger
Es war einer jener Wintertage, die man für lange Zeit im Gedächtnis behält: Tiefblauer Himmel, leuchtende Sonne, Rauhreif an allen Bäumen, Zäunen und Büschen. Fast windstill. Die Fahnen vor dem Thermalbad hingen bewegungslos an ihren hohen Masten.
Ein Schlitten mit fröhlichen Kurgästen fuhr vorüber, die Schellen am Geschirr der beiden Pferde klirrten und Iäuteten, und der Schnee knirschte unter den Kufen.

Ich atmete die klare Luft ganz tief und bewusst ein, während ich von meinem Hotel langsam hinüberging zum Kongress-Zentrum. Für die nächsten Stunden würde ich dort unter Kunstlicht und Klimaanlage sitzen und mir Vorträge anhören, aber gegen 11.00 Uhr, so stand es im Programm, waren 30 Minuten Kaffeepause, die würde ich nützen, um wenigstens zwischendurch der Sonne noch einmal Guten Tag zu sagen.

Vor der Saaltür traf ich Erich Weinberger, Inhaber und Chef einer mittleren Firma, der in der Branche den Ruf genoss, tüchtig und ideenreich zu sein.
„Haben Sie schon einen Platz?“ fragte er als wir uns die Hand gaben, „wenn nein, setzen wir uns zusammen“?

Ich mochte ihn. Er war einer, mit dem man reden konnte. Bei ihm gab es kein Bla-Bla. Gleich von den ersten Sätzen an wurden Gespräche mit ihm konstruktiv. Es war ein Gewinn, ihn zu kennen, und das hatte ich ihm auch einmal gesagt.
Seitdem waren wir uns näher gekommen. Noch nicht Freunde, aber auf dem direkten Weg dorthin.

In den letzten Monaten hatten wir viel über die Frage nach dem Sinn unseres Lebens gesprochen, waren tief hinabgetaucht in Regionen, wo das Grundsätzliche zum Persönlichen, zur Anfrage an uns selber wird. Ich erfuhr ihn immer wieder als einen klugen, unpathetischen und konsequenten Denker, und das war wohl auch der Grund, warum er geschäftlich Erfolg und menschlich viele Sympathien hatte. Nur an einer einzigen Stelle gab es bei ihm einen seltsamen Bruch: Wenn ich auf das zu sprechen kam, was die Konsequenz unseres christlichen Glaubens ausmacht, unser ganz persönliches Verhältnis zur Frage nach Jesus Christus, da wich er mir aus, wurde wortkarg , wechselte das Thema.
Hatte er sich damit noch nie befasst und fühlte sich deshalb unsicher? Zählte er das zu seinem Intimbereich und es war ihm peinlich, darüber zu reden? Gab es vielleicht gerade hier bittere Erfahrungen oder womöglich Verletzungen in seinem Leben?

Die nächsten zwei Stunden waren gefüllt mit Eröffnungsreden, Grußworten, Referaten, aber ich war nicht recht bei der Sache, zu schön war der Tag da draußen, und ich sehnte förmlich die Pause herbei und als der Moderator verkündete: „Wir unterbrechen jetzt für eine halbe Stunde und treffen uns um 11 Uhr 30 Minuten wieder hier im Plenum“, da stieß ich Weinberger an: „Kommen Sie, wir gehen vor die Tür, die Luft und die Sonne genießen.“
Wir holten unsere Mäntel aus der Garderobe, versicherten den misstrauisch äugenden Kollegen, dass wir ganz bestimmt und auf Ehre wiederkämen, ich hakte Weinberger unter, und als wir ins Freie traten, schaute er auf das zauberhafte Panorama und sagte: „lst das schön, mein Gott, ist das schön.“
„Womit wir schon beim Thema wären“,ergänzte ich lachend und sah ihn von der Seite an.

Eine ganze Weile ging er schweigend neben mir her, dann blieb er stehen, wandte sich mir zu, und als er redete, klang seine Stimme rau: „Sie wissen es ja Iängst, dass ich die Frage nach Gott vor mir herschiebe, und ich sage Ihnen jetzt auch den Grund: Es gibt da ein Konto in der Schweiz, ein Nummernkonto, von dem mein Finanzamt nichts weiß. Was passiert, wenn ich wirklich ernst mache mit diesem Jesus Christus? Was sind die Konsequenzen? Für mein Geld, für mich selber? Sie wissen, dass ich Sie mag und schätze, deshalb sage ich Ihnen das auch, aber bitte, lassen Sie mich in Ruhe, mit dem einen und auch mit dem anderen!“

Er ging nicht wieder mit hinein ins Kongress-Zentrum. Vor dem Eingang legte er mir die Hand auf die Schulter, drehte sich um, und seitdem haben wir uns aus den Augen verloren.

Ich weiß, Erich Weinberger wird nicht aufhören, nach dem Sinn seines Lebens zu fragen, aber er wird der Antwort an Gott auch weiterhin ausweichen. Er war deutlich geworden, weil er es nicht Iänger aushielt, mir gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben. Und vor Gott?
Handelte er nicht wie Jakobs Sohn Esau, der sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder für ein Linsengericht verkaufte, nur weil ihm im Augenblick der Hunger näher war und das andere in so weiter Ferne?

Da sagt Jesus Christus: „lch gehe jetzt hin zu meinem Vater, um Euch allen, die ihr an mich glaubt und Euer Vertrauen und Eure Hoffnung in mich investiert, eine Heimat zu bereiten“, und Erich Weinberger tauscht das ein gegen ein Nummernkonto in der Schweiz, weil ihm das Geld näher ist als das andere in so weiter Ferne.

Sind wir im Grunde nicht genau so? Wir können unser Geburts- und Heimatrecht einwechseln gegen ein hohes Gehalt, gegen das schulterklopfende Wohlwollen des Chefs, der Kollegen und unserer Bekannten.
Wir können es eintauschen gegen Erfolg und die Befriedigung unserer Wünsche und Erwartungsmodelle, das Ewige gegen das Zeitliche.

Wie heißt Dein Nummernkonto, Karlheinz Binder?

 

Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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