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513. Nachdenkliches für Manager – Vertragloser Zustand 9-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Vertragloser Zustand
„Hallo“, sagte eine Stimme hinter mir, mitten aus dem Lärm der Get-together-Party, und eine Hand legte sich auf meine Schulter.
Ich drehte mich angemessen langsam um damit mein Bier nicht überschwappte und blickte in das lachende Gesicht von Bernhard Klasen.
„Schön, Sie endlich mal wieder richtig zu sehen“, ergänzte er.
Ich hob mein Glas, stieß es gegen das seine, sagte Cheerio und wir machten einen tiefen Zug, drängelten uns durch die vielen eifrig redenden Menschen in eine ruhigere Ecke und gaben uns die Hand.

Ich freute mich von Herzen über das Wiedersehen, denn wir beide hatten uns in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren. Ab und zu gab es Kontakte, aber sie waren immer unter Zeitdruck oder situationsbedingt auf Distanz, und dabei gab es eine Frage, die ich Klasen stellen wollte, ganz persönlich, unter vier Augen.

Der Anlass lag jetzt rund fünf Jahre zurück: Wir saßen uns bei einer Verbandstagung genau diagonal gegenüber, und das Thema um das es ging, war schwierig. Es war beschlossen worden, Grundsätze und Richtlinien für die Mitglieder zu formulieren, sie für allgemeinverbindlich zu erklären und beim Kartellamt eintragen zu lassen.
Wir waren uns alle darüber klar: Das würde ein schwerer, langer Marsch durch die Instanzen, und Bernhard Klasen sah in die Runde, gab ein eindrucksvolles Seufzen von sich und sagte:“Ich bin jetzt über fünfzig, gebe es Gott, dass ich das noch erlebe!“
Wir alle lachten, und ich rief ihm zu: „Machen Sie doch mit Gott einen Vertrag, dass er Sie so lange leben Iässt, bis wir unsere Richtlinien unter Dach und Fach haben. Das sichert Ihnen ganz bestimmt ein hohes Alter“, und Klasen sah mich plötzlich ernst an und antwortete leise: „An meinem Vertrag mit Gott formuliere ich schon seit 20 Jahren, aber…“ hier brach er seinen Satz ab, schaute intensiv in seine Unterlagen und sagte kein einziges Wort mehr. Selbst jetzt, 5 Jahre danach, erinnere ich mich noch sehr genau an den Ausdruck von Betroffensein und Verlegenheit in seinem Gesicht.

Ich sah Bernhard Klasen an und fragte ihn: “Denken Sie auch noch manchmal zurück an die Sitzung in Frankfurt, als es damals um die Verbandsrichtlinien beim Kartellamt ging?“
Er nickte. „Und wie steht es um Ihren Vertrag mit Gott? Ist er fertig? Unterschrieben?“, forschte ich weiter.
Und wieder senkte er seinen Blick, genau wie damals.
Er las sehr intensiv den Werbespruch der Brauerei auf der Umrandung seines Bierfilzes und drehte ihn dabei langsam um 360 Grad.

Ich wartete und sah ihn schweigend an, denn genau das war die Sache, über die ich schon lange mit ihm reden wollte. Mich interessierte die Antwort. Ich war gespannt: Wie geht einer mit der Frage nach Gott um, wenn er schon seit so vielen Jahren ganz dicht daran ist?

„Also das mit dem Vertrag“, sagte Klasen nach einer ganzen Weile, und er suchte dabei hörbar nach Worten, „das mit dem Vertrag liegt nicht so einfach, wie Sie das vielleicht sehen. Wenn zwei miteinander Vereinbarungen treffen, dann verpflichten sie sich ja zu bestimmten gegenseitigen Verhaltensweisen, und sie binden sich für eine definitive Situation oder in einer ausdrücklich formulierten Angelegenheit, und das hat Auswirkungen und Folgen sachlicher und juristischer Art.“
Als er merkte, dass ich ihm gespannt zuhörte, wurde sein Redefluss dichter, schneller, und dann hielt er mir rund 10 Minuten lang einen brillanten Vortrag über allgemeines und spezielles Vertragsrecht, so gewandt, so klug und so undurchschaubar, dass er sich dahinter verstecken konnte. So lange er redete, fühlte er sich sicher.
Und in mein Luftholen zu einer Antwort hinein sagte er: „Ich habe viel zu lange geredet, meine Leute warten auf mich, bis nachher“. Und fort war er.

Was sind wir nur für Menschen, dachte ich. Voll mit Wissen und unfähig zur Antwort.
Da bietet Gott im Alten Testament den Menschen siebenmal ein Bündnis an. Er macht damit ein Friedens- und Rettungsangebot, aber es bleibt einseitig, weil die Menschen viel zu sehr mit sich und ihrem Wohlstand beschäftigt sind, und selbst die schon fast flehentliche Ermahnung Gottes: „Hört doch, kommt zu mir. Hört auf mich, dann werdet ihr leben! Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen!“, verliert sich ohne Echo.

Da formuliert ein Bernhard Klasen Jahr um Jahr in dilettantischer Souveränität an seinem Vertrag mit Gott herum und begreift nicht, dass mit Jesus Christus, als dem sichtbar und erlebbar gewordenen achten Angebot Gottes, der endgültige Schlusspunkt unter den Vertragstext gesetzt ist. Es geht nur noch darum, ihn anzunehmen oder abzulehnen.
Das aber zu tun ist die freie, alleinige Entscheidung von uns Menschen, denn Gott vergewaltigt nicht.
Wie gern hätte ich Bernhard Klasen noch gesagt, was Paulus in dieser Frage an die Römer schrieb, als er ihnen schilderte, was genau besagte Auswirkungen und Folgen sachlicher, juristischer und persönlicher Art sind, wenn einer sich auf Jesus einlässt:
„ Ich habe die Gewissheit“, so formuliert Paulus, „dass uns dann nichts mehr von Gottes Liebe trennen kann. Weder Tod noch Leben, nichts Gegenwärtiges oder Zukünftiges, weder etwas im Himmel noch in der Hölle. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, hat Gott uns seine Liebe geschenkt. Und darum gibt es in der ganzen Welt nichts, was uns jemals von der Liebe Gottes trennen kann.“
Braucht man dazu wirklich 25 Jahre, Bernhard Klasen?

 

Karlheinz Binder

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512. Nachdenkliches für Manager – Urlaubsplanung 7-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Urlaubsplanung

„Bitte, nimm Dir nicht so viele Bücher mit in den Urlaub wie im letzten Jahr“, sagte meine Frau, als sie mich durch die geöffnete Zimmertür mitten zwischen Foto-Utensilien, Land- und Strassenkarten, Fernglas, Kompass, Höhenmesser und Rucksack sitzen sah.

Ich blickte von meiner umfangreichen Checkliste auf, nickte und wusste dabei, es würde zu ihrem Leidwesen genau so sein wie immer: Unsere Urlaubstage reichten für zwei und mein Arbeits- und Entspannungsmaterial für vier Wochen.
Das war so meine Art, mir immer doppelt so viel vorzunehmen, wie ich schaffen konnte, aber, so behauptete ich zu meiner Rechtfertigung, genau das fördere ungemein die Leistungsfähigkeit und die Kreativität. Dabei wusste ich, der wahre Grund lag tiefer: Was ich mir in vielen Jahren als Manager antrainiert, anerzogen und meinem Wesen eingeprägt hatte, immer initiativ, immer aktiv zu sein, das ließ sich nicht so einfach ablegen, auch nicht im Urlaub. Selbst nicht mit Hilfe besorgter, liebevoller Ermahnungen.

Drüben auf dem Eckbord hatte ich schon angefangen, mir Bücher und Arbeitsmappen zurechtzulegen. Alles Dinge, für die ich meinte, im Urlaub Zeit und Ruhe zu haben. Noch war der Stapel klein, aber bis zur Abfahrt am nächsten Morgen würde er auf sein übliches Maß wachsen. Ich kannte mich.

Da nahm ich mir immer wieder neu und mit gutem Willen vor, endlich einmal richtig auszuspannen, sagte und versprach das auch meiner Frau und packte mir dann doch wieder Arbeitsvorräte ein wie ein Hamster der Angst hat, es könnte ihm über den Winter das Futter ausgehen.

Da hatte man vor zwei Jahren in Japan eine Befragung bei Angestellten und Arbeitern durchgeführt, und 53 Prozent sagten, sie verspürten Schuldgefühle, wenn sie in Urlaub gingen. Leider gab es keine Vergleichszahlen für Europa, aber eines war gewiss: Ich gehörte dem gleichen Typus an, mit einem schlechten Gewissen, wenn ich nicht ständig irgend etwas tat. Und oft genug ermahnte ich mich selber: „Karlheinz Binder, sitz nicht untätig und faul herum, sondern tu etwas!“
Und dabei verlor ich mehr und mehr die Fähigkeit, mich überhaupt noch entspannen zu können. Am Morgen wachte ich manchmal auf, und mir tat der Unterkiefer weh, weil ich die Nacht über wieder mit verbissenen Zähnen geschlafen hatte.
Mein Hausarzt sagte mir etwas von Stress und sah mich tadelnd an.
Ein Freund, dem mein ständig angespannter Gesichtsausdruck auffiel, riet mir, einmal sehr ernsthaft und ehrlich über das Erste Gebot nachzudenken, anstatt immer mehr ohne Atem und Besinnung zu leben.

War ich wirklich besinnungslos geworden? Hatte ich angefangen, alles meinem Ehrgeiz unterzuordnen? Meinen Beruf, meine Ehe, die Erwartungsmodelle gegenüber meinen Söhnen, meine menschlichen Kontakte, selbst meine Freizeit, meinen Urlaub?

Da waren wir zum Beispiel im letzten Jahr an einem zauberhaften Sommerabend in unserem Hotel in den Alpen angekommen. Wir standen auf dem Balkon, und während meine Frau schweigend und überwältigt die mächtigen Berge im Farbenspiel der untergehenden Sonne betrachtete, legte ich mit Kennerblick auf die Gipfel bereits die Routen für die erste Woche fest: Morgen die Walderspitze mit Aufstieg über das Latschenkar, zum Einlaufen würde das gerade richtig sein. Dann übermorgen…, und am Dienstag…, und am Mittwoch…, und, und…
Natürlich hatten wir von allem nicht einmal die Hälfte geschafft. Anstatt erholt und glücklich zu sein, war ich mit einem Gefühl nachhause gefahren, etwas versäumt zu haben.

War ich einer von denen, die der große englische Prediger Spurgeon meinte, als er schrieb: „Du machst Dir die Studierstube zum Gefängnis und die Bücher zu Gefängniswärtern, während die Natur vor dem Fenster draußen zu Gesundheit und Freude ruft. Wer das Summen der Bienen im Heidekraut, das Girren der Tauben im Wald, den Gesang der Vögel, das Rauschen des Bächleins, das Seufzen des Windes in den Fichten vergisst, der darf sich nicht wundern, wenn sein Herz den dankbaren Gesang vor Gott verlernt und seine Seele düster wird.

Da arbeiten wir nach Stunden immer weniger und finden dennoch keinen inneren Frieden, sondern verändern nur unsere Abhängigkeiten und die Fehler unseres Ehrgeizes.
Heißt ein ausgefülltes Leben, dass wir auch noch für Freizeit und Erholung ein Iückenloses Programm haben?
Erfolgserlebnisse, die uns erfolgreich daran hindern, über unser Leben nachzudenken? Über die Art und Weise, wie wir es gestalten und ob es so Sinn ergibt?

Hatte der Freund recht, an das Erste Gebot zu erinnern, weil zu viele von uns schon Iängst die Arbeit zu einer Art Religion gemacht haben? Mit Hingabe bis zur Unterwerfung. Mit Opfern, die wir bringen. Mit Schuldgefühlen, die wir durch noch höhere Leistungen kompensieren. Aber ohne eine Hoffnung und eine Zuversicht, weil wir, wie Paulus sagt, nichts in diese Welt mitgebracht haben und auch nichts aus ihr hinausbringen werden. Weder unseren Besitz noch unsere Leistungen. Weder unsere Titel und Ämter noch unsere Beziehungen. Unsere Seele werden wir mitnehmen als die gelebte Antwort auf die Forderung des Ersten Gebotes: „Ich bin der Herr!“

Als meine Frau wieder ins Zimmer kam, stellte ich gerade mit entschlossener Hand das letzte Exemplar meiner Urlaubsbewältigungslektüre zurück ins Regal.

Sie sah mich fast ungläubig erstaunt an und fragte: „Keine Bücher?“

„Nein“, sagte ich, „ich habe gerade einen Entschluss gefasst und mir vorgenommen, in diesen Ferien Bäume, Blumen, Landschaft, Licht und Farben wahrzunehmen. Ich will,,, und das sagte ich mit einem Lächeln, „vielleicht einmal wieder in Deinen Augen lesen anstatt in Büchern, und ich möchte gründlich nachdenken über das Erste Gebot.“

„Du“, strahlte meine Frau, „ich habe so ein Gefühl, als ob die nächsten zwei Wochen zu etwas ganz Neuem werden: Zum Urlaub.“

 

Karlheinz Binder

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511. Nachdenkliches für Manager – Tag der offenen Tür 6-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Tag der offenen Tür
Als ich das Zimmer meines Kollegen Weber betrat, stand er mit dem Rücken zur Tür am Fenster und schaute konzentriert hinunter auf den Parkplatz.
Ich klopfte ihm als eine Art Gutenmorgengruß auf die Schulter, stellte mich neben ihn und versuchte heraus zu bekommen, was es wohl zu sehen gäbe.

Weber deutete mit dem Finger auf eine blitzblanke Karosserie: „Haben Sie schon gesehen? Mein neues Auto, heute morgen bekommen“, und dabei strahlte er über das ganze Gesicht.

„Toll“, sagte ich, „aber wir müssen los, in zwanzig Minuten fängt der Tag der offenen Tür an, und Sie müssen die Eröffnungsrede halten.“

Es wurde ein voller Erfolg, Weber fand genau die richtigen Worte. Er stellte das Unternehmen in seiner Dynamik treffend dar, lobte den Chef so geschickt, dass dieser sonst so gesammelte, fast ernsthafte Mann nahezu freudig Iächelte, die Leute drängten sich, und alle waren begeistert.
Auf dem Rasen vor dem Verwaltungsgebäude waren Tische und Bänke aufgebaut. Hier gab es Schatten und kühle Getränke für die Besucher, wenn sie ihren Rundgang durch die Firma beendet hatten oder unterbrechen wollten, um sich für eine Weile zu erholen.
Weber und ich setzten uns ganz an den Rand, wo wir einigermaßen ungestört waren, und ließen uns ein Bier kommen. Ich beglückwünschte ihn zu seiner guten, gelungenen Rede, und auf einmal stand ein Junge an unserem Tisch, 17 oder 18 Jahre alt, dunkelbraunes Haar und in einem lebhaften Kontrast dazu hellblaue Augen.
Er sah meinen Kollegen an: „Tag Vater“, und ganz plötzlich spürte ich, wie Weber sich innerlich veränderte, wie eine merkwürdige Kühle von seinem Wesen ausging, begleitet von einer fühlbaren Verkrampfung. „Das ist mein Sohn“, sagte er zu mir, und seine Stimme klang ganz anders als sonst.

Der Junge gab mir die Hand, stand noch einen Augenblick an unserem Tisch, so als warte er auf ein Wort seines Vaters, aber Weber betrachtete intensiv den Schaum auf seinem Bier und schwieg

„Was ist los?“ fragte ich, als sein Sohn weg war, „was stimmt nicht zwischen Ihnen beiden?“
Weber zuckte mit den Schultern: „Wir verstehen uns nicht mehr, er und ich. Auf alles, was ich tue oder meine, hat er eine Widerrede, er Iässt sich nichts mehr von mir sagen. Vor kurzem traf ich seinen Lehrer und erfuhr, dass sein Abitur gefährdet ist, weil er auch in der Schule nachlässt.
Als ich ihm neulich mit aller Energie gesagt habe, er soll sich endlich zusammenreißen, da hat er mich einfach stehen lassen, sich umgedreht und ist ohne ein Wort weggegangen. Da hat es zwischen uns gekracht. Ich habe ihm meine ganze Enttäuschung ins Gesicht geschrien.

„Haben Sie nicht an seinem Verhalten gemerkt, dass Ihr Sohn das Gespräch mit Ihnen sucht?“
„Der“, antwortete Weber, „der soll erst einmal lernen, wie man sich seinem Vater gegenüber benimmt, oder“, und sein Gesicht wurde, als er das sagte, ganz hart und abweisend.

Da reden wir Manager, dachte ich, so viel über Motivation, machen ganze Seminare dafür mit, wissen in der Theorie alles über diese Frage, und wenn es um die eigene Familie geht, wenn der Sohn in eine Entwicklungs- und Identifikationskrise kommt, versagen wir. Ausgerechnet in einer Situation, wo wir gefordert sind mit unserem Verständnis, unserer Geduld und mit unserer Liebe, die junge Leute gerade in dem Alter, wenn sie sich geistig und seelisch von den Eltern in einem schmerzhaften und problematischen Prozess abnabeln, in besonderer Weise brauchen.

Ich blickte auf Webers verschlossenes Gesicht und dachte daran, wie stolz er heute morgen auf sein neues Auto gewesen war und an sein Lächeln, als er merkte, wie gut seine Rede ankam. Aber selbst dann, so steht es im Neuen Testament, wenn wir wie mit Engelszungen zu reden vermöchten, hätte es keinen Wert für unser Leben, wenn das Herz ohne Liebe wäre. Und wenn wir noch so viele Kenntnisse und Erkenntnisse hätten, aber keine Liebe, wir wären nichts.

Wann hatte ich selber meiner Frau und meinen Kindern zuletzt gesagt, dass ich sie liebte? Ich war ihnen oft genug entgegengekommen mit meinen Erwartungsmodellen und Vorstellungen, aber mit Liebe?

Was hatte Paulus da weiter geschrieben, an die Leute in Korinth?: “Die Liebe ist geduldig, sie ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie Iässt sich nicht zum Zorn reizen, und sie trägt das Böse nicht nach.“

Vor vielen Jahren sprach ich mit meinem Freund Wolfgang Dyck über diese Stelle aus dem 1. Korinther-Brief, begeistert von der Sprachgewalt und Kraft dieses 13. Kapitels.
Er sah mich lange und aufmerksam an und sagte: „Schön, und jetzt lies das alles noch einmal durch, und überall dort, wo das Wort Liebe steht, da setzt du deinen Namen ein, dann wird aus deiner Begeisterung Erkenntnis.“

Das alles werde ich Weber sagen müssen.

 

Karlheinz Binder

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510. Nachdenkliches für Manager – Inkognito 5-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Inkognito
„Ich möchte mich“, schrieb mir Mathias Born, „im Namen unserer ganzen Familie herzlich bei Ihnen für die guten, ehrenden Worte bedanken, die Sie am Grab meines Vaters gesprochen haben.“

Ich blickte auf den schwarzen Rand des Briefbogens. Keine vier Wochen war es her, als Roland Born mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam, ein paar Tage später starb er, gerade eben 56 Jahre alt.
Mit 62 wollte er in Pension gehen, um noch etwas von seinem Leben zu haben. Und als wir einmal darüber redeten und ich ihn fragte, wer denn später als sein Nachfolger in Frage kommen könne, fingen wir beide wie in stiller Übereinkunft an zu lächeln und vertagten das Thema, weil wir meinten, noch so viel Zeit zu haben. Aber wir hatten vergessen, was in der Bibel bei Hiob steht: „Der Mensch verfügt über eine bestimmte Zeit, die Zahl seiner Jahre steht bei Dir, Gott, Du hast ein Ziel und ein Ende gesetzt.“

Alles das sagte ich in meinem Nachruf. Ich sprach über die 18 Jahre der kollegialen Arbeit, der gemeinsamen Erfolge, der vielen Erlebnisse und Gespräche, die zwischen uns ein Verhältnis entstehen ließen, das mehr war, als das im Geschäftsleben Übliche: Freundschaft.
„Er wird uns fehlen, dieser Roland Born, mit seiner ruhigen, zuverlässigen Art, seinen Erfahrungen, seinem Fleiß, seiner stillen, selbstverständlichen Hilfsbereitschaft und seinem Rat“, hatte ich geschlossen und dabei um die Festigkeit meiner Stimme gekämpft.

Ich merkte, wie mich die Erinnerungen wieder übermannten und konzentrierte mich willentlich und ganz bewusst auf das, was Mathias Born mir da in seinem Brief weiter geschrieben hatte:“Mein Vater“, stand da, „war Ihnen nicht zuletzt deshalb so sehr verbunden, weil er, genau wie Sie, Zeit seines Lebens ein überzeugter und engagierter Christ gewesen ist.“

Mit einem Anflug von Verblüffung las ich diesen Satz ein zweites Mal.
Richtig, Roland Born war ein guter, gerechter, liebenswerter Mensch, ich hielt ihn über all die Jahre für einen edlen Humanisten, der Anerkennung und Achtung verdiente, aber dass er ein wahrhaftiger, aktiver Christ gewesen wäre, das war mir nicht aufgefallen. Nie hatte er darüber gesprochen, sich nie dazu bekannt.

Was sind das für Christen, dachte ich, die sich ihr ganzes Leben bedeckt halten? Die eine Hoffnung haben und niemals sagen, dass diese Hoffnung einen Namen hat, den, nach dem sie sich nennen: Jesus Christus?

War es nicht genauso wichtig, wie etwas in dieser Welt zu tun, auch deutlich zu erklären, warum wir so handeln? Was Grund und Anlass unserer Nächstenliebe ist? Wie denn sonst konnte Evangelium in der Praxis, vor Ort, transportiert werden? Als eine Botschaft, die eben keine Privatsache ist?

Und als meine Verblüffung anfangen wollte, eine ganz sachte Färbung von Enttäuschtsein anzunehmen, überlegte ich: Befand sich mein alter Freund und Mitarbeiter Roland Born mit seinem Verhalten nicht mitten in diesem Christlichen Abendland in einer großen, solidarischen Gesellschaft der Lauheit und des Verschweigens?
Und wie war das mit mir? War ich nicht lange genug selber so gewesen?

Als Christus seine Jünger aussandte, wie es im Matthäus-Evangelium steht, damit sie die Botschaft verkündigen und zum Nachdenken und zur Umkehr aufrufen sollten, da gab er ihnen auf den Weg: „Wenn ihr in eine Stadt oder ein Dorf kommt, erkundigt euch, ob jemand darin wohnt, der es wert ist, und bei dem bleibt.“
Was wäre, wenn morgen einer in meinen Wohnort, meinen Bezirk oder auch nur in meine Strasse käme und er sagte: „lch möchte bei jemandem übernachten, der es wert und ein wirklicher Christ ist“, würde dann mein Name genannt?

Und ihrer?

 

Karlheinz Binder

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509. Nachdenkliches für Manager – Fallstudie 4-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

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Fallstudie

Die ganze Woche und auch diesen halben Sonnabend hatte es fast ununterbrochen geregnet. Ein stationäres Tief, wie der Wetterbericht sagte, aber als ich am frühen Nachmittag auf die Terrasse trat, zogen gerade die letzten fransigen Wolken weg und machten Platz für einen weiten, überraschend blauen, sonnigen Himmel.

„Wenn es so bleibt“, sagte meine Frau, „könnten wir nachher draußen Kaffee trinken.“ Ich nickte, wischte den Tisch und die Stühle trocken, ergriff meine Notizen für die Rede, die ich morgen, am Sonntagnachmittag, bei einem wichtigen Geburtstag halten sollte, setzte mich nieder und genoss die Wärme.
Aus der Küche hörte ich das Klappern der Kuchenteller und Tassen, die blubbernde Kaffeemaschine schickte ihre verheißungsvollen Düfte durch die offene Tür zu mir heraus, und das Zusammenwirken aller dieser erfreulichen Komponenten beflügelte meine rhetorische Kreativität. Ich wusste plötzlich, wie ich den Höhepunkt meiner geburtstägigen Laudatio formulieren sollte. Es würde ein Schluss, der so gut und stark war, dass ich mir wünschte, so etwas möge einer mir selber mal sagen. Charakter und Persönlichkeit, Willensstärke und Geradlinigkeit würde ich dem Jubilar bescheinigen, Zielbewusstsein und Standfestigkeit. Eigenschaften, die in einer Zeit, wo jeder zweite Satz mit „ich würde sagen“ anfängt, kostbaren Seltenheitswert haben.

Als meine Frau mich erfolglos zum dritten mal fragte, ob ich Sahne zum Kuchen wolle, kam sie auf die Veranda hinaus und sah mich intensiv schreiben.
Ich nickte ihr zu, faltete mein Manuskript zusammen, legte es auf die Seite: „Fertig!“
Dann lehnte ich mich entspannt zurück, schaute hinauf zum sonnigen Himmel, in die weit ausladende Krone der Birke, und da fiel es mir wieder ein, was ich seit Wochen vorhatte: „Ich sollte endlich diesen großen Seitenast absägen“, sagte ich, „er nimmt uns zuviel Licht weg.“
Nach dem Kaffeetrinken ging ich in die Garage, nahm die große Bockleiter von der Wand, trug sie in den Garten, holte Säge und Arbeitshandschuhe, und dann kletterte ich hinauf, Sprosse um Sprosse und war überrascht, wie anders alles von dieser Höhe aus wirkte.
Meine Arbeit machte gute Fortschritte, als es geschah: Durch den langen Regen war der Rasen weich geworden, die beiden rechten Füße der Leiter versanken, unabwendbar kam der Moment, wo, wie der Physiker sagen würde, der Schwerpunkt aus dem Standbereich auswanderte, und sie fiel um. Ich registrierte mit erstaunlich präziser Sachlichkeit, wie schnell ein Mensch in solch einer Situation denken und handeln kann: Zuerst warf ich die Säge in einem weiten Bogen fort und stellte dann mit einem einzigen Blick fest, da war kein Ast, der mich hätte halten und retten können. Es gab nur zwei Alternativen: Mit der Leiter gemeinsam zu stürzen, womöglich in den Gartenzaun, oder mich im Absprung von ihr zu trennen, und ich sprang.

Obwohl ich versuchte, den Aufprall mit Füssen und Beinen abzufedern, war er hart und heftig, es schlug mich förmlich zusammen, und ich blieb eine ganze Weile still auf der Erde liegen, spürte die Nässe des Bodens und des Grases.
So schnell geht das also, dachte ich, von ganz oben nach ganz unten, von der Vogel- in die Frosch-Perspektive. Was würde aus meiner wichtigen Rede morgen? Und aus dem Geschäftsbesuch am Montag, der Besprechung mit dem Chef am Dienstag, der Sitzung in Hamburg am Mittwoch?
Ich bewegte mich vorsichtig. Hatte ich irgendwo Schmerzen? Schien etwas gebrochen? Anscheinend nicht. Und wenn innerlich etwas kaputt ist, überlegte ich, hat
dann alles noch Relevanz, morgen, Montag, Dienstag, Mittwoch?

Da fühlen wir uns so stark und sicher auf unserer hohen Warte. So wichtig und unentbehrlich mit unserem gefüllten Terminkalender. Kein Tag ohne Eintragungen.

„Nun aber zu euch“, schreibt der Apostel Jakobus an die vielbeschäftigten Manager seiner Zeit, „die ihr sagt: Heute oder morgen werden wir in diese oder jene Stadt reisen. Dort werden wir Geschäfte machen und viel Geld verdienen. Woher wisst Ihr denn, was morgen sein wird? Was ist euer Leben? Es gleicht dem Morgennebel, der vom Boden aufsteigt und sich wieder auflöst. Sagt lieber: Wenn Gott es will, werden wir leben und dieses oder jenes tun. Und seid nicht stolz und überheblich.“

Was hatte ich mir vor noch nicht einmal 20 Minuten gewünscht? Dass mir auch einmal jemand eine Rede halten möge, um mir zu bescheinigen, was ich doch für ein standfester Charakter sei, was für ein wichtiger Mensch. Wenn der uns drei jetzt hier liegen sähe, die Leiter, die Säge und mich?

Ich rappelte mich auf, und als ich ins Haus hinkte, sah mich meine Frau erschrocken an. Mit ein paar Worten erklärte ich ihr die Sachlage, griff nach meinem Manuskript für den Geburtstag, und als meine Frau mit Erstaunen sagte „Du Iächelst ja“, antwortete ich: „Es gibt Fallstudien, an denen lernt man tatsächlich. Ich werde meine Rede für morgen wohl umschreiben müssen.“

 

Karlheinz Binder

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508. Nachdenkliches für Manager – Stoppsignal 3-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Stoppsignal

„Marianne Brenk hat uns geschrieben“, sagte meine Frau, als ich vom Büro nach Hause kam, „sie und ihr Mann laden uns zu sich ein, wenn wir am übernächsten Wochenende in Düsseldorf sind. Es bleibt doch dabeit, daß Du zur Messe fährst und mich mitnimmst, oder?“ Ich nickte betont energisch: „Selbstverständlich und auf Ehre!“

Kurt Brenk und ich hatten seit Jahren geschäftlich miteinander zu tun, und auf einem Kongress-Gesellschaftsabend mit Frauen lernten wir uns endlich auch einmal als Ehepaare kennen und verstanden uns spontan.
Es gab eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Ergänzungen, aber über die freundschaftliche Formulierung: “Falls Sie einmal in der Gegend bei uns zu tun haben, wäre es sehr schön, wenn …“ waren wir nicht hinausgekommen. Zu wenig Zeit, zu viel Anspannung und Turbulenz.
Ich freute mich auf das Treffen mit den Brenks und war neugierig auf ihr Heim und ihre Kinder.

Trotz des starken Messeschluss-Verkehrs waren wir auf die Minute pünktlich. Das Haus von Kurt und Marianne Brenk gefiel uns auf den ersten Blick. Alles an ihm war solide und gediegen, kein funktionsloser, modischer Zierrat, keine angeberischen Grenzfälle. Der ganze Bau ruhte in einer fast unauffälligen Harmonie in sich, stand auf dem Grundstück genau an der richtigen Stelle und alle Proportionen stimmten.

Die Begrüßung war zwanglos und herzlich, fast wie unter alten Freunden. Die drei Kinder unbefangen, fröhlich, frei von irgendwelchen Dressurschädigungen, die ehrgeizige Eltern ihnen so gerne mit falschem Stolz zufügen. Alles schien auf eine natürliche Weise perfekt. Ohne Fehl und Tadel?

Während die beiden Frauen mit den Kindern im Haus einen Plausch machten, gingen wir zwei Männer durch den Garten, angelegt und gepflegt durch einen Könner, der mit sicherem Gespür trotz energisch ordnender Hand die Ursprünglichkeit der Natur bewahrte. Ich sagte das zu Kurt Brenk. Er strahlte und entgegnete nicht ohne Stolz, der Gärtner sei er selber. Und so kam das Gespräch auf unsere Hobbies, von dort auf das Geschäft, wie es im Augenblick in der Branche aussah, was wir planten und was wir geschafft hatten. Menschen, die wussten, was sie wollten und was sie konnten.

Gegen Abend versammelten wir uns alle um den großen Bauerntisch im Esszimmer. Kurt Brenk schaute mit einem frohen Lächeln in die Runde, zu meiner Frau, zu der seinen, zu mir, zu seinen Kindern. Er nickte uns zu und sagte: „Guten Appetit“, und als wir alle nach Messer und Gabel griffen, sagte plötzlich eine kleine, entschlossene Stimme: „Halt!“
Es war, als habe man einen Film gestoppt, Stillstandsprojektion. Nur unsere Blicke wanderten zur Urheberin dieser überraschenden Situation, zur jüngsten Tochter, Gabriele, knapp vier Jahre alt. Und in den fragenden Gesichtsausdruck ihres Vaters hinein sagte sie: „Erst müssen wir beten, im Kindergarten machen wir das auch.“

Niemals zuvor hatte ich Kurt Brenk unsicher erlebt, aber jetzt war seine Verlegenheit spürbar. Seine Frau Marianne blinzelte der Kleinen zu: „Machst du es?“
Wir falteten alle die Hände und hörten, wie die Kinderstimme sagte: „Lieber Gott, ich danke Dir für Vati und Mutti und für meine Geschwister und für unseren lieben Besuch, für mein schönes Kinderzimmer und für das gute Essen, Amen.“
„Amen“, sagten wir alle, und es hörte sich nachdenklich an.

Wie vieles hatten wir vorhin im Garten über unsere beruflichen, gesellschaftlichen und sozialen Aktivitäten geredet, und alle unsere Erfolge erschienen uns so selbstverständlich, weil wir tüchtig und engagiert waren. Wir halten es für selbstverständlich, Tag für Tag reichlich Essen auf dem Tisch zu haben, schmackhaft und dekorativ angerichtet. Ein wohnliches, gemütliches Haus zu besitzen. Gesunde, fröhliche Kinder zu haben, eine liebenswerte Ehefrau, ein gesichertes Einkommen, und wir denken nicht mehr darüber nach, dass alles das eben nicht selbstverständlich ist. Fühlen wir uns zu sicher? Macht uns das vergesslich, gleichgültig, undankbar?

Hat Gott deshalb seinem Volk Israel beim Einzug in das Gelobte Land die warnende Mahnung mitgegeben: „Wenn du gegessen hast und satt bist, dir schöne Häuser baust und darin wohnst, sich dein Vermögen und dein Besitz mehren, dann achte darauf, dass dein Herz nicht überheblich wird und sagt: Meine Kräfte, meine Tüchtigkeit haben das alles geschaffen. Sondern gedenke an Gott, deinen Herrn, denn er ist es, der dir die Kraft gegeben hat!“

Sollten wir Grossen in manchen Beziehungen wieder werden wie die Kinder?
Uns herunterbücken auf das Niveau ihrer Perspektive? Wo uns nicht die Höhenluft des Erfolges, unserer Bedeutung und unserer Tüchtigkeit die selbstkritische Objektivität vernebelt?

Müssen wir vorzeigbaren, aufgeklärten und so selbstbewussten Geschäftsleute wieder neu von den Kindern lernen, was Gott gegenüber Dankbarkeit heißt?

 

Karlheinz Binder

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507. Nachdenkliches für Manager – Die falsche Tür 2-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Die falsche Tür
Für übermorgen Mittag hatten sie sich bei uns angemeldet, Anton Wittersdorf und seine engsten Mitarbeiter. Sie waren mit ihrem respektablen Unternehmen wichtige Kunden für uns, und wir würden ihnen einen angemessenen Empfang bereiten. Nicht übertrieben, Wittersdorf liebte das nicht, aber auch nicht eine Nummer zu klein, das stand unserem Haus nicht an. Eine gute Rede wollte ich ihnen halten mit einem herzlichen Willkommen und Dank für die Art und Weise, wie sich unsere Geschäftsbeziehungen entwickelt und gestaltet hatten.

Während ich den langen Büroflur zur Werbeabteilung hinunterging, um dort noch einige letzte Einzelheiten zu klären, dachte ich konzentriert darüber nach, wie ich das alles formulieren könnte, wo gedankliche und rhetorische Schwerpunkte zu setzen seien und wann ich wohl am besten redete, zum Aperitif oder zwischen zwei Gängen des gemeinsamen Essens? Und noch ganz versunken in meine Überlegungen irrte ich mich in der richtigen Tür und stand nicht im Büro des Werbeleiters, sondern ganz plötzlich in dem von Jürgen Reichmann.

Wir sahen uns beide im ersten Moment verblüfft an, aber ich fing mich einen Moment schneller als er, ging um seinen Schreibtisch herum, nahm seine Hand und sagte: „Hallo, ich wollte einfach mal sehen, wie es Ihnen geht, Jürgen, wir haben uns so lange nicht mehr gesehen“, und ganz tief in mir fühlte ich mich traurig, weil ich ihn belog.

Er setzte sich mühsam und mit unsicheren Bewegungen in seinem Rollstuhl zurecht, deutete mit dem Kopf auf einen Besuchersessel und sagte mit Anstrengung: „Bitte setzen Sie sich.“

Eine ganze Weile sahen wir uns wortlos an, und ich erinnerte mich an die Zeit vor einigen Jahren. So manchen Kunden hatten wir zusammen für unsere Firma gewonnen. In langen, zähen Verhandlungen Aufträge hereingeholt. Da war die lange Schnee-Nacht mitten im Winter auf der Geislinger Steige. Die Autobahn spiegelglatt, Lastzüge hatten sich am Berg festgefahren, nichts lief mehr, Stunde um Stunde. Jürgen Reichmann und ich redeten zuerst über das Geschäft, unsere PIäne, unsere Erfolge, und dann wurde es persönlicher, wir kamen auf die Familie zu sprechen, die Kinder, was sie einmal werden wollten, wenn sie die Ausbildung hinter sich hatten, und es entstand so etwas wie Kameradschaft zwischen uns.

Ein paar Monate später wurde er krank. Seine Hände begannen zu zittern, seine Füße versagten, die Muskulatur funktionierte nicht mehr und die Ärzte eröffneten ihm: Multiple Sklerose. Er fehlte immer öfter und wir verloren allmählich den direkten Kontakt zueinander, die Kollegialität Iöste sich auf. Ein- oder zweimal versuchte ich, ihn zu besuchen, aber da war er gerade zu einer speziellen Kur weg, und ich ließ es dabei, mit einem schlechten Gewissen. Und nun, ganz plötzlich, ganz unerwartet, dieses Zusammentreffen. Alles an ihm hatte sich verändert, nur sein Blick war noch wie früher, aufmerksam, wach, offen.

Ich überlegte: Was ging in einem solchen Mann vor, der immer voller Tatkraft und Dynamik gewesen war, robust und fröhlich. Jetzt saß er im Rollstuhl, nicht mehr fähig, seine Bewegungen zu koordinieren und zu kontrollieren, ein Pflegefall. Zerstört durch eine tückische Krankheit, die einen ohne sichtbaren Grund überfällt.
Musste er nicht mit seinem Leben hadern, der Verzweiflung nahe sein, ganz dicht daran, wo es finster wird in unserer Seele?

„Ich freue mich“, sagte Jürgen Reichmann ganz langsam, und er sah zum Fenster hinüber „ich freue mich an jedem so herrlichen Tag wie heute und bin Gott dankbar, dass ich leben kann. Ich habe durch diese Krankheit zurückgefunden zu meinem Glauben, und ich habe in mir einen ganz tiefen Frieden. Ich weiß mich und meine Familie geborgen, was immer auch geschieht. Ich muss nicht traurig sein wie die, die keine Hoffnung haben. Außer Denken kann ich nicht mehr viel arbeiten, aber ich bete viel, auch für Sie.“

Ich saß wortlos und tief betroffen auf meinem Stuhl und merkte, wie mir die Augen feucht wurden. Muss manch einer von uns erst so schwach werden, damit Gott in ihm mächtig wird? Da war nicht ein Wort der Klage oder des Vorwurfs, dass wir Kollegen ihn alle im Stich gelassen hatten, weil das Tagesgeschäft uns wichtiger war, weil wir ihm aus Ratlosigkeit hilflos auswichen.

Ich stand schweigend auf, und als wir uns die Hand gaben, wussten wir es beide, jetzt waren wir Freunde.

 

Karlheinz Binder

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506. Nachdenkliches für Manager – Viel Erfolg 12-89

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Viel Erfolg

Vor der Tür des Sitzungssaales gab ich Konrad Kunze spontan die Hand. „Konrad“, sagte ich, „Sie waren einfach brillant, da saß jedes Argument, ich gratuliere!“

Kunze blinzelte mich fröhlich und freundschaftlich an: „Ohne Sie hätte ich das nie geschafft. Sie haben mir den Ball immer wieder so gekonnt vor die Füße gespielt, dass ich zum Schluss nur noch das Tor zu schießen brauchte. Und jetzt haben wir uns ein Glas Sekt verdient. Kommen Sie, ich lade Sie ein.“ Er hakte mich unter und ließ sich nicht mehr bremsen bei seinem Marsch quer durch die Hotelhalle in Richtung auf die Bar.

Es war eine schwere Sitzung gewesen. Der Verwaltungsrat einer Institution, der wir beide angehörten, musste noch bis zum Jahresende und bevor alle in den Weihnachtsurlaub ausschwärmten, zwischen zum Teil stark differierenden Interessenparteien eine Entscheidung finden. Konrad Kunze und mir, als den Sprechern einer der vertretenen Gruppen, war es gelungen, eine akzeptierbare, vernünftige Lösung durchzusetzen Dank einer durchdachten Strategie, überzeugender Argumente und der Redekunst des Konrad Kunze.

Als sein hochgereckter Daumen dem Barkeeper signalisierte, unsere GIäser seien leer, legte ich ihm meine Hand auf den Arm und sagte: „Nein, danke. Ich würde zwar meinem Grundsatz, keinen Alkohol vor Sonnenuntergang, treu bleiben, denn draußen ist es stockfinster, aber immerhin muss ich noch 250 Kilometer hinter dem Lenkrad sitzen.“

Konrad Kunze wechselte seinen erhobenen Daumen gegen den Zeigefinger aus und winkte. „Schreiben Sie es auf meine Zimmer-Rechnung“, sagte er zu dem Mann hinter der Theke, dann hakte er mich erneut unter, und wir fuhren zusammen in die Tiefgarage.

Als wir uns verabschiedeten, gab er mir einen anerkennenden, herzlichen Stoss gegen die Schulter: „Wir sehen uns dann am 16. Januar wieder, eher nicht. Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage und im Neuen Jahr viel Erfolg!“

Im Rückspiegel sah ich, wie der Lichtschein über der großen Stadt hinter mir immer mehr vom Dunkel der Nacht absorbiert wurde.
Es war spät geworden. Vor Mitternacht würde ich nicht zuhause sein. Wieder ein Abend, den meine Frau und meine Kinder ohne mich gewesen waren. Wie so oft in den letzten Jahren. Was war eigentlich Erfolg? Dass meine Wichtigkeit immer mehr wuchs? Auf Kosten meiner Familie? Hatte ich jemals gründlich darüber nachgedacht, dass jeder Erfolg seinen Preis hat? Auch dieser? Bezahlt von meiner Frau und meinen beiden Söhnen? Aus einem begrenzten Vorrat an gemeinsamer Zeit. Viel kleiner, als ich es wahrhaben wollte.
Ich konnte mir ausrechnen, in wie viel Jahren meine Kinder zu groß waren, um abends noch zuhause bleiben zu wollen.
Es gibt Dinge, die kann man nicht nachholen.
Was war aus den vielen idealistischen, redlichen Vorsätzen in meinem Leben geworden? Die meisten von ihnen eingetauscht gegen meine Karriere.
Und wie stand es mit der Frage nach Gott?
Ich hatte sie behandelt wie einen Wechsel, den man erst einmal quer schreibt mit dem beruhigenden Trugschluss, dass er erst später, viel später zur Einlösung präsentiert wird, und bis dahin ist so viel Zeit. Zeit zum Erfolg.
Wir wünschen uns gegenseitig immer das, was uns stark macht, unabhängig, überlegen und siegreich. Was passierte wohl, wenn ich einem sagte: „Ich wünsche Ihnen im kommenden Jahr Situationen der Schwachheit und ein paar Misserfolge, damit Sie mal nachdenklich werden?“ Im Gegenzug würde er mir wohl mit allem Nachdruck die Krätze an den Hals empfehlen.
Aber braucht es nicht gerade Krisen und Enttäuschungen, damit wir unser Menschsein bewahren, nicht über unser angemessenes Format hinauswuchern?

Wie war das bei mir?
Rückbesinnung und Wachstum, Reifen und Lernbereitschaft hatte es immer nur dann gegeben, wenn ich mir an schwierigen Menschen und problematischen Situationen wieder einmal eine platte Nase holte. Die Stunden der Wahrheit finden nicht statt auf den sonnigen Gipfeln des GIückes und des Erfolges, sondern weiter unten, im Schatten.

Was hatte Sören Kierkegaard, der dänische Religions-Philosoph, geschrieben?: „lch bin von ganzem Herzen dankbar für alle Niederlagen und Krisen, denn nur die sind es, die mich immer wieder zurücktreiben in das Gebet und in die Arme Gottes.“

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen im Neuen Jahr viel Erfolg.

 

Karlheinz Binder

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505. Nachdenkliches für Manager – Nullpunkt 11-89

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Nullpunkt
Als ich in das Casino kam, um im ruhigen Gästeraum noch eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor ich zu einem wichtigen Kunden losfuhr, saß Erich Stern mit dem Rücken zum Raum ganz allein an einem Tisch und starrte aus dem Fenster.
Ich ging zu ihm hinüber, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte fröhlich: „Hallo, ich grüsse Sie“, aber als er sich umwandte, erschrak ich. Sein Gesicht war blass und abgespannt, sein Blick fast verzweifelt, und an den Wangenmuskeln erahnte ich die zusammengebissenen Zähne.

Ich setzte mich ihm gegenüber und fragte: „Was ist los, Erich, reden Sie, was ist passiert?“ Seine Antwort war leise und tonlos: „Gestern nachmittag ist mein Sohn mit dem Motorrad verunglückt. Die Ärzte befürchten, dass er nie wieder richtig laufen kann, vielleicht muss er für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen.“

Ich kannte seinen Sohn, einen fröhlichen, aufgeweckten Jungen, der mühelos sein Abitur gemacht hatte, jetzt studierte und zu vielen Hoffnungen Anlass gab. Vorbei?

„Warum muss so etwas passieren?“ fragte Erich Stern, „können Sie mir das erklären?“
Ich schüttelte wortlos den Kopf.

„Am schlimmsten sind die Vorwürfe, die meine Frau und ich uns machen: Wenn wir ihm das Motorrad nicht finanziert hätten, wäre das alles womöglich nicht geschehen. Vielleicht hätten wir ihn noch öfter und dringlicher ermahnen müssen, vorsichtig zu fahren. Wie wird das jetzt weitergehen, was wird aus seiner Zukunft? Er hat eine Freundin, ein großartiges Mädchen, sie wollten sich in ein paar Monaten verloben. Wird sie zu ihm stehen, bei ihm bleiben?
Und mein Sohn: Wird er es verkraften, wenn er die Wahrheit erfährt, und wer sagt es ihm? Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Er umspannte mit beiden Händen die Kaffeetasse vor sich, als ob er einen Halt suchte. Nach einer Weile, als er sich ein wenig gefangen hatte, sagte er: „lch danke Ihnen, dass Sie nicht versucht haben, mich mit irgendwelchen Worten zu trösten. Verstehen Sie, ich könnte jetzt keine Ratschläge und keine Rezepte vertragen. Ich weiß, Sie sind Christ, beten Sie für meinen Jungen. Ich wollte, ich könnte das auch wieder. Seit meiner Kindheit habe ich es nie mehr ernsthaft versucht.“
„Dann tun Sie es jetzt, in diesem Augenblick, in dieser Situation“, sagte ich, und Erich Stern, der erfolgreiche und harte Manager, faltete die Hände, und während er mit Gott sprach, liefen ihm die Tränen über das Gesicht, und er schämte sich nicht.

Gerda, die Bedienung hinter der Theke, nahm das Schild „Konferenz“ aus einer Schublade, ging leise zum Eingang, hängte es von außen an die Tür, und als ich ihr dankbar zunickte, schloss sie sie ganz behutsam.

Es war ein langes anklagendes, klagendes, um Verstehen ringendes, annehmendes und vertrauendes Gebet, die Heimkehr des Erich Stern zu seinem Gott und Vater.

Es gibt Schicksalsschläge, für die haben wir Menschen keine Erklärung. Wohl, weil wir endliche Geschöpfe sind mit einem endlichen Urteils- und Denkvermögen. Wir verstehen nur das, was wir im wahren Sinn des Wortes „begreifen“ können, und dennoch geschieht gerade in den dunkelsten Stunden, was wir aufgeklärten, modernen und klugen Leute allzu gern nachsichtig belächeln: Dass unser Schreien aus der Tiefe von dem gehört wird, an den wir es adressiert haben.

Erich Stern hat es erlebt.

 

Karlheinz Binder

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504. Nachdenkliches für Manager – Das Schweigen 10-89

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

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Das Schweigen

Das Essen nach diesem Sitzungs-Vormittag fing mit einer kleinen Enttäuschung an. Als Vorspeise gab es Kraftbrühe mit gefüllten Pfannkuchen, so stand es auf der Menükarte. Ich hatte großen Appetit und freute mich darauf. Aber die Pfannkuchen erwiesen sich als pfenniggroße, spärliche Inseln in der Suppe. Allerdings, aber das reichte nicht zur Versöhnung, konnten sie schwimmen.

Wir saßen mit elf Personen um den Tisch und hielten noch einmal Nachlese über die Probleme und Ergebnisse der letzten Stunden, und gerade, als ich meinen Löffel hinlegte, geschah es, ganz unerwartet, wirklich überraschend: Das Gespräch zwischen uns erstarb, ein tiefes Schweigen entstand. Von draußen hörte man durch das geöffnete Fenster das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos, bis auch das sich verlor. Stille, sonst nichts.
Ich studierte aufmerksam und eingehend den fein ziselierten Griff des Messers neben dem Teller und vermied es, die anderen anzusehen. Einem Blick zu begegnen hätte für mich die Herausforderung bedeutet, irgend etwas zu sagen, um diese Situation der Sprachlosigkeit zu beenden, aber ich schwieg.

Seltsam, dachte ich, da sitzen elf kampferprobte, geübte, redegewandte Manager um einen Tisch. Und so, wie es ja manchmal passiert, dass drei gleichzeitig anfangen zu reden, hatte sich jetzt genauso zufällig das Schweigen ergeben, und wir alle empfanden das als peinlich. Als ob eine Gesprächspause etwas Unhöfliches sei, oder fast ein Autoritätsverlust, weil alle anderen meinen könnten, man hätte tatsächlich nichts zu sagen.

Mir fiel eine Geschichte ein, die ich irgendwann einmal gelesen hatte: Da war der Abt eines Klosters in Ehren grau geworden, und als er fühlte, es würde mit ihm bald zu Ende gehen, fasste er den Entschluss, seinen langjährigen und gleichaltrigen Freund noch einmal zu besuchen, um Abschied zu nehmen. Er bat einen jungen Mönch, ihn zu stützen und zu begleiten.
Nach langer, beschwerlicher Wanderung durch die Berge fielen sich die zwei Alten in die Arme, setzten sich nieder und betrachteten sich schweigend.

Nachdem sie so lange verharrt hatten,erhob sich der Abt, griff nach dem Arm des Jungen und sagte: „Lass uns jetzt gehen“, und sie machten sich auf den Heimweg.

„Warum habt Ihr kein Wort miteinander geredet?“ forschte nach einer Weile der junge Mönch, und der Alte antwortete: „Reden kann ich mit jedem Menschen auf der Welt, aber zum Schweigen braucht man einen wirklichen Freund.“ Und der Mönch begriff: In dieser
Zeit des Stilleseins voreinander und vor Gott hatten die beiden mehr erlebt und mehr Gemeinschaft gehabt, als wenn sie gesprochen hätten.
In der Stille redet das Herz, in der Stille redet Gott.

Ich überlegte: Wie oft hatte mir irgend jemand eine Frage gestellt, auf die ich im Augenblick keine Antwort wusste, aber ich sprach weiter. Warum eigentlich? Müssen wir immer und ständig etwas zu sagen haben und vergessen darüber, wie hilfreich und heilsam das Schweigen sein kann?

Ein lautes, gedehntes: „Naja“ holte mich aus meinen Gedanken zurück an den Tisch. Da hatte einer seinem inneren Drängen nachgegeben und die Stille zerstört. Vielleicht eine Minute mochte sie gedauert haben, und als wir das Gespräch eifrig und lautstark aufnahmen, war so etwas wie Erleichterung zu spüren. Die Normalität hatte uns wieder.
Aber während ich mich an der Unterhaltung beteiligte, wurde ich einen Gedanken nicht los: Dass Ausnahme-Situationen so eine Art herausforderndes Geschenk sein können. Anlass, einmal darüber nachzudenken, wie viele Inhaltslosigkeiten Tag für Tag zwischen Menschen ausgetauscht werden. Das Müllproblem, dachte ich, sind nicht allein die vielen leeren Konservendosen und Flaschen, sondern die leeren Worte.

Brauchten wir nicht solche Momente des Schweigens? Ab und zu einmal das Gefühl des Verlorenseins, der Einsamkeit, um zu wachsen? So ein kleines Stück Wüste mitten in unserem hektischen, atemlosen Alltag? War nicht genau diese Wüste, von der die Bibel immer wieder berichtet, nicht nur ein Ort der Anfechtungen, sondern auch zugleich der Segnungen und des Gebetes?

„So spricht der Herr, der Heilige Israels: Nur in der Umkehr und in der Ruhe liegt eure Rettung. Nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft!“ Das hatte der Prophet Jesaja geschrieben.

War ich gemeint?

 

Karlheinz Binder

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