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514. Nachdenkliches für Manager – Die Quittung 10-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Die Quittung
„Möchten Sie auf der Terrasse frühstücken?” fragte mich der Ober, und als ich nickte, ging er vor mir her, führte mich zu einem der Tische, strich die Decke noch einmal glatt und rückte den Stuhl zurecht: Kaffee oder Tee?
„Kaffee“ sagte ich und genoss den klaren, taufrischen Morgen mit seinem Amsel-Gesang, der weichen, sachten Brise vom nahen Wald her und mit dem unternehmungslustigen Schilpen der Sperlinge, die sich erwartungsvoll auf den benachbarten Stuhllehnen postierten, weil sie mich mit sachkundigem Hotelspatzenblick wohl für einen hielten, der beim Brötchenschneiden krümelt.
Ich tat ihnen den Gefallen, ganz kameradschaftlich und ausgiebig; und als ich neugierig um mich schaute, wie groß denn inzwischen die Schar meiner gefiederten Tischgenossen geworden war, sah ich ihn plötzlich, Paul Kaltenbach. Er saß ein paar Tische weiter und hatte mich noch nicht bemerkt, weil er in seine Zeitung vertieft war.

Ich betrachtete nachdenklich das Profil seines Gesichtes.
Er hatte sich kaum verändert seit er sich damals von uns verabschiedete, um in Pension zu gehen. Wie lange war das her? Mit Sicherheit fünf Jahre, vielleicht sogar schon sechs.

Noch immer lag dieser trotzige Zug um seinen Mund, noch immer schob er sein Kinn vor, als gelte es, im nächsten Moment anzugreifen. Er war eine Kämpfernatur. Einer, der nicht eher locker ließ, bis er seinen Willen durchgesetzt und seine Ziele erreicht hatte.
„Ich bin eben ein Hardliner“, sagte er gern und nicht ganz ohne Stolz von sich selber.
Er machte seine Geschäfte im gleichen Stil, wie er auch Tennis spielte: Immer in der Vorhand, immer aggressiv, selbst denen gegenüber, die versuchten, seine Freunde zu sein. Für ihn war Erfolg das Wichtigste, und er hatte ihn auch, in einem ungewöhnlichen Maß.
Seine Firma und die Branche verdankten ihm viel. Er hatte ihnen öffentliche Geltung verschafft, Märkte erobert, Siege gefeiert und dabei seine Leute bis zum Äußersten gefordert und geschunden.
Um gerecht zu sein: Er war kein Ausbeuter gewesen, aber einer, der Menschen als Produktionsfaktor betrachtete, einzusetzen unter dem Gesichtspunkt höchster Effizienz. Er war großzügig und jovial, solange einer das Tempo mithielt und sein Erwartungsmodell erfüllte. Schaffte er es nicht, schnitt er ihn ab von jeder persönlichen Verbindung und ließ ihn am Weg liegen. Und als ihn deshalb einmal jemand zur Rede stellte, antwortete er mit beeindruckendem Lachen und einem warnenden Glitzern in den Augen, er halte es da mit Napoleon der gesagt habe, Fußkranke behinderten nur den Vormarsch und damit den Sieg.

Ich legte meine Serviette neben die Kaffeetasse, stand auf, ging die wenigen Schritte zu ihm hinüber, sagte „Guten Morgen“ und setzte mich.
Er erkannte mich sofort. „Was machen Sie hier?“, fragte er und ich erklärte ihm, warum ich es vorgezogen hatte, nicht mitten in der Stadt, sondern hier an der Peripherie zu übernachten und beendete meinen Satz mit den Worten: „Und Sie?“
„Ich wohne hier“, sagte er, „das Hotel hat in den oberen Stockwerken Appartement-Wohnungen. Da ist man ganz und gar sein eigener Herr und hat dennoch den gesamten Service.“

Ich sah ihn fragend an, und er verstand meinen Blick: „Meine Frau und ich haben uns getrennt. Um ganz korrekt zu sein, sie ist mir weggelaufen und wohnt jetzt bei den Kindern.“
„Haben Sie noch Kontakt zu den früheren Kollegen?“
“Kaum, aber das macht mir nichts aus. Und wenn ich schon mal eingeladen werde zu irgendeiner Feier, dann gehe ich einfach nicht mehr hin. Ich brauche die anderen nicht.“ Es klang fast zornig, wie er das sagte. Er klappte seine Zeitung hastig zusammen, erhob sich, gab mir die Hand und weg war er.
Ich ging langsam zurück an meinen Tisch, schenkte mir noch eine Tasse Kaffee ein und war betrübt, weil ich hinter den Worten und dem Verhalten des Paul Kaltenbach die verbitterte Einsamkeit spürte.
Da war dieser energische, hochbegabte, kraftvolle und zugleich rigorose Mann lange Zeit einer der Grossen in der Branche gewesen, aber durch seine Art und seine Erfolge hatte er über dem Wichtigen das Wesentliche versäumt und vergessen. Was uns so stark an unseren Beruf bindet, mit Leib und Seele, wie man immer so schön sagt, das trennt uns allmählich von den anderen Menschen. Weil eben nur echte menschliche Freundschaft, Liebe und Hingabe die Zäsur der Pensionierung überdauern, hatte Paul Kaltenbach, bewusst oder unbewusst, Prioritäten gesetzt, Weichen gestellt und dafür die Quittung präsentiert bekommen. Von seiner Frau, seinen Kollegen, den Geschäftsfreunden. Er, der noch vor ein paar Jahren Mühe hatte, überhaupt eine Lücke in seinem Terminkalender zu finden, zahlte jetzt mit Einsamkeit und stiller Verbitterung

„Ermahne die, die im Sinne dieser Welt reich sind“, schreibt der Apostel Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus, „dass sie nicht überheblich werden. Sie sollen ihr Vertrauen nicht auf etwas so Unsicheres und Vergängliches wie Erfolg und Reichtum setzen, sondern auf Gott. Wenn sie an guten Taten reich werden, schaffen sie sich eine sichere Basis für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben gewinnen.“

Ob Paul Kaltenbach jemals darüber nachgedacht hatte, was es heißt, sein Vertrauen auf Gott zu setzen und was „wirkliches Leben“ist?

Und wenn er mich danach gefragt hätte, könnte ich es ihm erklären?

 

Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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