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512. Nachdenkliches für Manager – Urlaubsplanung 7-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Urlaubsplanung

„Bitte, nimm Dir nicht so viele Bücher mit in den Urlaub wie im letzten Jahr“, sagte meine Frau, als sie mich durch die geöffnete Zimmertür mitten zwischen Foto-Utensilien, Land- und Strassenkarten, Fernglas, Kompass, Höhenmesser und Rucksack sitzen sah.

Ich blickte von meiner umfangreichen Checkliste auf, nickte und wusste dabei, es würde zu ihrem Leidwesen genau so sein wie immer: Unsere Urlaubstage reichten für zwei und mein Arbeits- und Entspannungsmaterial für vier Wochen.
Das war so meine Art, mir immer doppelt so viel vorzunehmen, wie ich schaffen konnte, aber, so behauptete ich zu meiner Rechtfertigung, genau das fördere ungemein die Leistungsfähigkeit und die Kreativität. Dabei wusste ich, der wahre Grund lag tiefer: Was ich mir in vielen Jahren als Manager antrainiert, anerzogen und meinem Wesen eingeprägt hatte, immer initiativ, immer aktiv zu sein, das ließ sich nicht so einfach ablegen, auch nicht im Urlaub. Selbst nicht mit Hilfe besorgter, liebevoller Ermahnungen.

Drüben auf dem Eckbord hatte ich schon angefangen, mir Bücher und Arbeitsmappen zurechtzulegen. Alles Dinge, für die ich meinte, im Urlaub Zeit und Ruhe zu haben. Noch war der Stapel klein, aber bis zur Abfahrt am nächsten Morgen würde er auf sein übliches Maß wachsen. Ich kannte mich.

Da nahm ich mir immer wieder neu und mit gutem Willen vor, endlich einmal richtig auszuspannen, sagte und versprach das auch meiner Frau und packte mir dann doch wieder Arbeitsvorräte ein wie ein Hamster der Angst hat, es könnte ihm über den Winter das Futter ausgehen.

Da hatte man vor zwei Jahren in Japan eine Befragung bei Angestellten und Arbeitern durchgeführt, und 53 Prozent sagten, sie verspürten Schuldgefühle, wenn sie in Urlaub gingen. Leider gab es keine Vergleichszahlen für Europa, aber eines war gewiss: Ich gehörte dem gleichen Typus an, mit einem schlechten Gewissen, wenn ich nicht ständig irgend etwas tat. Und oft genug ermahnte ich mich selber: „Karlheinz Binder, sitz nicht untätig und faul herum, sondern tu etwas!“
Und dabei verlor ich mehr und mehr die Fähigkeit, mich überhaupt noch entspannen zu können. Am Morgen wachte ich manchmal auf, und mir tat der Unterkiefer weh, weil ich die Nacht über wieder mit verbissenen Zähnen geschlafen hatte.
Mein Hausarzt sagte mir etwas von Stress und sah mich tadelnd an.
Ein Freund, dem mein ständig angespannter Gesichtsausdruck auffiel, riet mir, einmal sehr ernsthaft und ehrlich über das Erste Gebot nachzudenken, anstatt immer mehr ohne Atem und Besinnung zu leben.

War ich wirklich besinnungslos geworden? Hatte ich angefangen, alles meinem Ehrgeiz unterzuordnen? Meinen Beruf, meine Ehe, die Erwartungsmodelle gegenüber meinen Söhnen, meine menschlichen Kontakte, selbst meine Freizeit, meinen Urlaub?

Da waren wir zum Beispiel im letzten Jahr an einem zauberhaften Sommerabend in unserem Hotel in den Alpen angekommen. Wir standen auf dem Balkon, und während meine Frau schweigend und überwältigt die mächtigen Berge im Farbenspiel der untergehenden Sonne betrachtete, legte ich mit Kennerblick auf die Gipfel bereits die Routen für die erste Woche fest: Morgen die Walderspitze mit Aufstieg über das Latschenkar, zum Einlaufen würde das gerade richtig sein. Dann übermorgen…, und am Dienstag…, und am Mittwoch…, und, und…
Natürlich hatten wir von allem nicht einmal die Hälfte geschafft. Anstatt erholt und glücklich zu sein, war ich mit einem Gefühl nachhause gefahren, etwas versäumt zu haben.

War ich einer von denen, die der große englische Prediger Spurgeon meinte, als er schrieb: „Du machst Dir die Studierstube zum Gefängnis und die Bücher zu Gefängniswärtern, während die Natur vor dem Fenster draußen zu Gesundheit und Freude ruft. Wer das Summen der Bienen im Heidekraut, das Girren der Tauben im Wald, den Gesang der Vögel, das Rauschen des Bächleins, das Seufzen des Windes in den Fichten vergisst, der darf sich nicht wundern, wenn sein Herz den dankbaren Gesang vor Gott verlernt und seine Seele düster wird.

Da arbeiten wir nach Stunden immer weniger und finden dennoch keinen inneren Frieden, sondern verändern nur unsere Abhängigkeiten und die Fehler unseres Ehrgeizes.
Heißt ein ausgefülltes Leben, dass wir auch noch für Freizeit und Erholung ein Iückenloses Programm haben?
Erfolgserlebnisse, die uns erfolgreich daran hindern, über unser Leben nachzudenken? Über die Art und Weise, wie wir es gestalten und ob es so Sinn ergibt?

Hatte der Freund recht, an das Erste Gebot zu erinnern, weil zu viele von uns schon Iängst die Arbeit zu einer Art Religion gemacht haben? Mit Hingabe bis zur Unterwerfung. Mit Opfern, die wir bringen. Mit Schuldgefühlen, die wir durch noch höhere Leistungen kompensieren. Aber ohne eine Hoffnung und eine Zuversicht, weil wir, wie Paulus sagt, nichts in diese Welt mitgebracht haben und auch nichts aus ihr hinausbringen werden. Weder unseren Besitz noch unsere Leistungen. Weder unsere Titel und Ämter noch unsere Beziehungen. Unsere Seele werden wir mitnehmen als die gelebte Antwort auf die Forderung des Ersten Gebotes: „Ich bin der Herr!“

Als meine Frau wieder ins Zimmer kam, stellte ich gerade mit entschlossener Hand das letzte Exemplar meiner Urlaubsbewältigungslektüre zurück ins Regal.

Sie sah mich fast ungläubig erstaunt an und fragte: „Keine Bücher?“

„Nein“, sagte ich, „ich habe gerade einen Entschluss gefasst und mir vorgenommen, in diesen Ferien Bäume, Blumen, Landschaft, Licht und Farben wahrzunehmen. Ich will,,, und das sagte ich mit einem Lächeln, „vielleicht einmal wieder in Deinen Augen lesen anstatt in Büchern, und ich möchte gründlich nachdenken über das Erste Gebot.“

„Du“, strahlte meine Frau, „ich habe so ein Gefühl, als ob die nächsten zwei Wochen zu etwas ganz Neuem werden: Zum Urlaub.“

 

Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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