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509. Nachdenkliches für Manager – Fallstudie 4-90

Dienstag, 20. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Fallstudie

Die ganze Woche und auch diesen halben Sonnabend hatte es fast ununterbrochen geregnet. Ein stationäres Tief, wie der Wetterbericht sagte, aber als ich am frühen Nachmittag auf die Terrasse trat, zogen gerade die letzten fransigen Wolken weg und machten Platz für einen weiten, überraschend blauen, sonnigen Himmel.

„Wenn es so bleibt“, sagte meine Frau, „könnten wir nachher draußen Kaffee trinken.“ Ich nickte, wischte den Tisch und die Stühle trocken, ergriff meine Notizen für die Rede, die ich morgen, am Sonntagnachmittag, bei einem wichtigen Geburtstag halten sollte, setzte mich nieder und genoss die Wärme.
Aus der Küche hörte ich das Klappern der Kuchenteller und Tassen, die blubbernde Kaffeemaschine schickte ihre verheißungsvollen Düfte durch die offene Tür zu mir heraus, und das Zusammenwirken aller dieser erfreulichen Komponenten beflügelte meine rhetorische Kreativität. Ich wusste plötzlich, wie ich den Höhepunkt meiner geburtstägigen Laudatio formulieren sollte. Es würde ein Schluss, der so gut und stark war, dass ich mir wünschte, so etwas möge einer mir selber mal sagen. Charakter und Persönlichkeit, Willensstärke und Geradlinigkeit würde ich dem Jubilar bescheinigen, Zielbewusstsein und Standfestigkeit. Eigenschaften, die in einer Zeit, wo jeder zweite Satz mit „ich würde sagen“ anfängt, kostbaren Seltenheitswert haben.

Als meine Frau mich erfolglos zum dritten mal fragte, ob ich Sahne zum Kuchen wolle, kam sie auf die Veranda hinaus und sah mich intensiv schreiben.
Ich nickte ihr zu, faltete mein Manuskript zusammen, legte es auf die Seite: „Fertig!“
Dann lehnte ich mich entspannt zurück, schaute hinauf zum sonnigen Himmel, in die weit ausladende Krone der Birke, und da fiel es mir wieder ein, was ich seit Wochen vorhatte: „Ich sollte endlich diesen großen Seitenast absägen“, sagte ich, „er nimmt uns zuviel Licht weg.“
Nach dem Kaffeetrinken ging ich in die Garage, nahm die große Bockleiter von der Wand, trug sie in den Garten, holte Säge und Arbeitshandschuhe, und dann kletterte ich hinauf, Sprosse um Sprosse und war überrascht, wie anders alles von dieser Höhe aus wirkte.
Meine Arbeit machte gute Fortschritte, als es geschah: Durch den langen Regen war der Rasen weich geworden, die beiden rechten Füße der Leiter versanken, unabwendbar kam der Moment, wo, wie der Physiker sagen würde, der Schwerpunkt aus dem Standbereich auswanderte, und sie fiel um. Ich registrierte mit erstaunlich präziser Sachlichkeit, wie schnell ein Mensch in solch einer Situation denken und handeln kann: Zuerst warf ich die Säge in einem weiten Bogen fort und stellte dann mit einem einzigen Blick fest, da war kein Ast, der mich hätte halten und retten können. Es gab nur zwei Alternativen: Mit der Leiter gemeinsam zu stürzen, womöglich in den Gartenzaun, oder mich im Absprung von ihr zu trennen, und ich sprang.

Obwohl ich versuchte, den Aufprall mit Füssen und Beinen abzufedern, war er hart und heftig, es schlug mich förmlich zusammen, und ich blieb eine ganze Weile still auf der Erde liegen, spürte die Nässe des Bodens und des Grases.
So schnell geht das also, dachte ich, von ganz oben nach ganz unten, von der Vogel- in die Frosch-Perspektive. Was würde aus meiner wichtigen Rede morgen? Und aus dem Geschäftsbesuch am Montag, der Besprechung mit dem Chef am Dienstag, der Sitzung in Hamburg am Mittwoch?
Ich bewegte mich vorsichtig. Hatte ich irgendwo Schmerzen? Schien etwas gebrochen? Anscheinend nicht. Und wenn innerlich etwas kaputt ist, überlegte ich, hat
dann alles noch Relevanz, morgen, Montag, Dienstag, Mittwoch?

Da fühlen wir uns so stark und sicher auf unserer hohen Warte. So wichtig und unentbehrlich mit unserem gefüllten Terminkalender. Kein Tag ohne Eintragungen.

„Nun aber zu euch“, schreibt der Apostel Jakobus an die vielbeschäftigten Manager seiner Zeit, „die ihr sagt: Heute oder morgen werden wir in diese oder jene Stadt reisen. Dort werden wir Geschäfte machen und viel Geld verdienen. Woher wisst Ihr denn, was morgen sein wird? Was ist euer Leben? Es gleicht dem Morgennebel, der vom Boden aufsteigt und sich wieder auflöst. Sagt lieber: Wenn Gott es will, werden wir leben und dieses oder jenes tun. Und seid nicht stolz und überheblich.“

Was hatte ich mir vor noch nicht einmal 20 Minuten gewünscht? Dass mir auch einmal jemand eine Rede halten möge, um mir zu bescheinigen, was ich doch für ein standfester Charakter sei, was für ein wichtiger Mensch. Wenn der uns drei jetzt hier liegen sähe, die Leiter, die Säge und mich?

Ich rappelte mich auf, und als ich ins Haus hinkte, sah mich meine Frau erschrocken an. Mit ein paar Worten erklärte ich ihr die Sachlage, griff nach meinem Manuskript für den Geburtstag, und als meine Frau mit Erstaunen sagte „Du Iächelst ja“, antwortete ich: „Es gibt Fallstudien, an denen lernt man tatsächlich. Ich werde meine Rede für morgen wohl umschreiben müssen.“

 

Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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