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461. Nachdenkliches für Manager – Zweifache Sicht 10-95

Sonntag, 18. Oktober 2015 | Autor:

Lieber Blog Besucher,

die tiefsinnigen Gedanken von Karlheinz Binder haben mich viele Jahre erfreut und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Genießen Sie diese Worte und nehmen Sie davon etwas in Ihrem Alltag mit.

 

Zweifache Sicht

Er sah sehr viel blasser aus als sonst, aber der wochenlange Aufenthalt im Krankenhaus und das Verbot der Ärzte, sich nach seinem schweren Herzinfarkt der direkten Sonne auszusetzen, hatten die bei ihm obligatorische Bräune fast gelöscht.
Daß Karl Wegener überhaupt noch lebte, war ein Wunder. So hatten jedenfalls wir Freunde und Berufskollegen es empfunden und auch die Fachleute im Hospital.

Getroffen hatte es ihn auf einer Tagung, als er nach dem Frühstück mit anderen Teilnehmern vor dem Fahrstuhl stand und hinauf wollte in die Konferenzräume.
Ganz plötzlich war er umgefallen, mitten im fröhlichen Gespräch untereinander und dann passierte das, was ein Augenzeuge als die Verkettung glücklicher Zufälle bezeichnete: Im gleichen Augenblick, als Karl Wegener auf den Boden schlug, ging die Tür des Lifts auf und in ihm befand sich ein Mediziner, der auf den ersten Blick sah, was da los war. Der Mann an der Rezeption hatte quer durch die Halle das Geschehen beobachtet und noch ehe die anderen sich faßten, hatte er schon den Notarzt angerufen, und der befand sich mit seinem Spezialfahrzeug gerade ganz in der Nähe auf der Rückkehr von einem anderen Notfall, und sie schafften die Strecke in die Klinik in kaum erklärlichen vier Minuten, mitten in der morgendlichen Rushhour.
Es war, wenn man alle Einzelheiten in Betracht zieht, das absolut synchrone Ineinandergreifen von rettenden Umständen. Mehr als eine Folge von Zufällen?

Im Grunde hatten einige von uns diesen Zusammenbruch schon lange kommen sehen, wenn auch nicht gleich in so gravierender Weise mit Infarkt und, wie wir später hörten, Herzstillstand.
Karl Wegener hatte sich nie geschont. Besonders aber nicht in den letzten Jahren. Durch seine Unermüdlichkeit und den rigorosen Einsatz aller Kräfte nahm seine Firma einen rasanten Aufstieg. Die Zahl der Kunden schnellte empor, mit ihr Umsätze und Gewinne.
Wegener hätte sich mit seinen sechzig Jahren und allen Erfolgen hochgelobt und hochverehrt zurückziehen können, sein Unternehmen in die Hand des Sohnes legen, anstatt immer wieder und immer mehr im Grenzbereich seine physischen und seiner psychischen Leistungsfähigkeit zu leben. Es war alles erreicht, was man sich so gemeinhin vornimmt, nur eines konnte er nicht: Loslassen. Im Gegenteil, seit einigen Wochen war er mitten in den Planungen für eine Riesen-Investition, die ihm ganz neue Märkte aufschließen sollte.

Frau und Sohn beschworen ihn, dieses Projekt nicht auch noch anzupacken weil sie deutlich sahen, alles zusammen ging über seine Kräfte. Aber er war nicht zur Vernunft zu bringen.
Und jetzt lag er hingestreckt, gewaltsam aus dem Verkehr gezogen, zur Ruhe gezwungen.
Hatte sein Körper die Notbremse gezogen? Mußte Karl Wegener dieses ganze Geschehen als eine ernste Mahnung, eine energische Warnung und als Anlaß zur Lebensveränderung betrachten?
Als ich ihn nach seiner Gesundung besuchte, sprach ich mit ihm darüber.
Ich wußte, er glaubte an Gott. So wie die meisten, in dieser freundlichen, vertrauenden Art, der die letzte, entscheidende Verbindlichkeit fehlt.
Sollte, könnte, müßte nicht sein Davonkommen, minutiös bewirkt von einer unsichtbaren Regie, Anlaß sein, so eine Art Dankadresse gen Himmel zu schicken? Einstellungen, Prioritäten, Verhältnisse auf den Prüfstand zu bringen? Sich mit der so handgreiflich gewordenen Tatsache zu befassen, ein Ende zu haben?
Auch das sagte ich ihm.
Er sah mich lange und nachdenklich an, dieser Karl Wegener, und dann gab er mir eine Antwort.
“Ich sehe”, formulierte er überlegend, “ich sehe, besonders jetzt, wo es mir wieder prächtig geht, die Sache anders: Ich bin fest davon überzeugt, daß Gott dieses Wunder getan hat, damit ich mein Lebenswerk fortsetze. Es ist für mich so eine Art Bestätigung, mit allen meinen Vorhaben auf dem richtigen Weg zu sein.”

Was schrieb Johann Heermann, der Liedermacher, im Jahr 1630?
“Hilf, o Herr Jesus, hilf Du mir, daß ich noch heute komm zu Dir und Buße tu den Augenblick, eh mich der schnelle Tod hinrück, auf daß ich heut und jederzeit zu meiner Heimfahrt sei bereit”.

Aber es gibt Menschen wie Karl Wegener, die sind so unheilbar von ihrem Tun und ihrer Person überzeugt, daß selbst Wunder nichts ausrichten.
Sind Sie zufällig mit ihm verwandt?
Karlheinz Binder

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Thema: Nachgedacht

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