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64. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk“

Samstag, 2. Januar 2010 | Autor:

Quelle ead

Biblisch-theologische Basis:

Warum Christen Verantwortung tragen

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk“. Mit diesem Bibelzitat (Sprüche 14,34) gibt bereits die Überschrift drei Hinweise: Es soll erstens zentral um das Verständnis der „Gerechtigkeit“ gehen. Diese Gerechtigkeit soll zweitens hinsichtlich ihrer sozialen und politischen, also ihrer die Gemeinschaft und das „Volk“ betreffenden Dimensionen bedacht werden. Und dies soll drittens in Orientierung an den Schriften des Alten und Neuen Testaments geschehen. Dies alles in der Erwartung, von den entscheidenden Quellen unserer christlichen Kultur auch für unser heutiges politisches Entscheiden und Handeln neue Impulse, Denkanstöße und Orientierungen zu gewinnen.

Die Erfahrung der Gerechtigkeit als Befähigung zum Tun

Die Erfahrung der Gerechtigkeit Gottes wird zum Maßstab und zur Voraussetzung eigenen ethischen Handelns. Das ließe sich ohne weiteres an den paulinischen Briefen entfalten. Mit dem Hinweis auf die im Evangelium zugesprochene Barmherzigkeit Gottes (Röm 1– 8) ermuntert Paulus die römischen Christen (Röm 12,1ff.), nun auch ihrerseits in Gesinnung und Verhalten das eigene Leben Gott und seiner Liebe zur Verfügung zu stellen (Röm 12–15) und sich gegenseitig anzunehmen, wie Christus sie angenom-men hat (Röm 15,7; vgl. 13,8–10). Wenn wir uns auf das menschliche Tun der „Gerechtigkeit“ infolge der Erfahrung von Gottes Begnadigung konzen-trieren wollen, liegt es nahe, sich der Verkündigung und Lehre Jesu nach Darstellung des Matthäusevangeliums zuzuwenden.

Quelle ead

 

Die Ethik Jesu nach dem Matthäusevangelium

Matthäus versteht „Gerechtigkeit“ auf dem Hintergrund der alttestamentlich-jüdischen Tradition. Das ergibt sich deutlich aus dem für die Bergpredigt programmatischen Satz Jesu: „Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei weitem übertrifft, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Gerechtigkeit ist hier das rechte ethische Verhalten des Menschen, das vor dem Urteil Gottes bestehen kann. Nach matthäischem Verständnis von Gerechtigkeit ist keine Trennung von Gottesbeziehung und zwischenmenschlichem Verhalten möglich. Die Gerechtigkeit vor Gott äußert sich im angemessenen Verhal-ten anderen Menschen gegenüber, und wer seinen Mitmenschen nicht „gerecht wird“ und nicht der Beziehung entsprechend lebt, verhält sich auch in seiner Beziehung zu Gott nicht loyal und gemeinschaftstreu. So überrascht es nicht, dass Matthäus den Begriff „Gerechtigkeit“ sowohl auf das angebrachte zwischenmenschliche Verhalten, als auch auf das ange-messene Verhalten Gott gegenüber anwendet (vgl. Mt 6,1; 6,2–4; 6,5–18). Ob im sozialen Verhalten oder in Gebet und Fasten, jeweils soll der Jünger das Ausüben seiner Gerechtigkeit nicht zur öffentlichen Selbstdarstellung missbrauchen, sondern ausschließlich in Bezug auf den himmlischen Vater (Mt 6,4.6.18) handeln. Nur dasjenige Verhalten wird Gott „gerecht“, das sich ganzheitlich und ungeteilt an Gott und seinem Willen ausrichtet. Und: Die Bergpredigt versteht sich vorrangig als Zeugnis einer durch die voraus-gesetzte Barmherzigkeit Gottes radikal veränderten Ausgangssituation: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist (3. Mose 19,18): ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‘ Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (5,43– 45).

Die Feindesliebe als Beispiel einer unbedingten Zuwendung

Dass die Forderung der Feindesliebe den Abschluss und Höhepunkt des ersten Hauptteils der Bergpredigt bildet, erklärt sich daraus, dass sie eine nicht auf Wechselseitigkeit beruhende Zuwendung beschreibt: Die Hinwendung zu den „Feinden und Verfolgern“ kann ihre Motivation weder aus der positiven Erfahrung mit den betreffenden Menschen beziehen, noch aus der Hoffnung, dass die Liebe durch Anerkennung, Dank oder Erwiderung belohnt wird. Insofern kann die „Feindesliebe“ als das anschaulichste und eindrücklichste Beispiel für eine weder an Voraussetzungen noch an Bedingungen geknüpfte menschliche Zuwendung und Anerkennung gelten. Mit diesem Verständnis von Gerechtigkeit leitet Jesus im Matthäusevangelium – unter Hinweis auf die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters – zu einem Leben jenseits von Unrecht und Recht an, indem er seine Jünger auf die Liebe verpflichtet. Die Kette des Unrechts, der Verfolgung und des Hasses soll durch das Verhalten der Jünger durch Vergebung unterbrochen und durch Liebe überwunden werden.

Die „bessere Gerechtigkeit“ – Illusion oder Wirklichkeit?

Ist diese von Jesus verkündigte – und in letzter Konsequenz bis zu seinem Kreuzestod gelebte – neue Gerechtigkeit (heute) wirklich lebbar? Kann sich ein zwischenmenschliches, ein gesellschaftliches und politisches Handeln an der Bergpredigt orientieren, oder zerbricht diese hohe Ethik an der Wirklichkeit dieser Welt? Einen entscheidenden Einwand gegen die gesellschaftliche und politische Relevanz der Forderung Jesu nach Vergebungsbereit-schaft und Feindesliebe kann man leicht entkräften. Der Evangelist Matthäus wie der Apostel Paulus können sehr wohl mit dem Phänomen umgehen, dass jemand die Leidens- und Vergebungsbereitschaft der Gemeinde missbrauchen will und die Barmherzigkeit Gottes und anderer zum Anlass für sein eigenes Unrecht nimmt. Wenn ein Gemeindeglied ohne Einsicht und trotz gutem Zureden bleibend andere Menschen und die Gemeinschaft schädigen will, haben die frühen christlichen Gemeinden durchaus klar geregelte recht-liche Mittel und gestufte Formen der Sanktionen, die es verhin-dern, dass das Unrecht durch falsch verstandenes Erbarmen noch vermehrt wird (z.B. Mt 18,15ff; 1. Kor 5,1ff). Das „Recht“ wird hier durch konkretes friedensstiftendes und integratives Verhalten in „Gerechtigkeit“ überboten. Die Rechtfertigung des Sünders wird im Neuen Testament nirgends als Rechtfertigung der Sünde missverstanden; aber der Schuldige trifft jeweils auf die Wertschätzung und Zuwendung hinsichtlich seiner Person, die es ihm ermöglicht, sich von seiner eigenen Schuld zu distanzieren und in die Gemeinschaft zurückzukehren. Denn Person und Werk werden weder identifiziert („Du bist nur, was du tust“) noch getrennt („Es ist egal, was du tust“), sondern differenziert („Du bist begnadigt und angenommen, obwohl du nicht getan hast, was angemessen ist“). Bei all dem wird das persönliche Empfinden, Reden und Handeln aber eben nicht auf die Frage der Schuld reduziert oder von der Bereitschaft zur Gegenleistung abhängig gemacht, es orientiert sich vielmehr an dem Ziel der wiederhergestellten Gemeinschaft. Die Frage ist weniger: „Wer hat Schuld?“, sondern: „Was dient dem unaufgebbaren Ziel der auf gegenseitiger Anerkennung und Zuwendung gründenden Gemeinschaft – der Versöhnung und dem Frieden?“ Denn die Rache führt ins Unrecht und das Recht kann nur Unrecht begrenzen und Unschuld erweisen, die „bessere Gerechtigkeit“ aber hat eine Antwort, die auch noch den Schuldigen aus dem Unrecht in die Gemeinschaft zu integrieren vermag. Geht ein Leben im Streben nach einer an Gottes Barmherzigkeit orientierten Gerechtigkeit innerhalb dieses Lebens, inmitten dieser Gesellschaft und Zeit auf? Sicherlich: „Nein!“, wenn wir damit meinen, ob wir es erleben werden, dass alle Menschen und Völker innerhalb von Geschichte und Zeit sich vollständig versöhnen und für die Gerechtigkeit gewinnen lassen werden.

Die Antwort lautet aber entschieden: „Ja!“, wenn wir verstehen, dass die „bessere Gerechtigkeit“ aus Liebe und Einsicht handelt und nicht aus Berechnung und Erwartung eigener Bestätigung und Belohnung. Die Antwort lautet entschieden: „Ja!“, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Seligpreisungen Jesu nicht einen innerweltlichen Sinnzusammenhang formulieren, der auch ohne Gottesbezug aufginge, sondern die endzeitlichen Verheißungen des endgültigen Eingreifens, Versöhnens und Tröstens seines himmlischen Vaters. Und so, wie der Weg der Gerechtigkeit, der Sanftmut und Demut (Mt 11,25–30) für den gekreuzigten Jesus selbst erst am Oster-morgen in der triumphalen Auferweckung durch seinen himmlischen Vater seine letzte Bestätigung erfuhr, so harren die, die in seiner Nachfolge der Gerechtigkeit bis zum Kreuz leben wollen, ihres endgültigen Trostes in der himmlischen Gottesgemeinschaft.

Das realistische Ideal einer Gerechtigkeit

Wenn wir es recht betrachten, dann ist das biblische Ideal der Gerechtigkeit viel realitätsbezogener und wirklichkeits-orientierter als manche vermeintlich „vernünftigen“, „aufgeklärten“ oder „neuzeitlichen“ Entwürfe einer gerechten Gesellschaft und eines rechtlich verfassten Gemeinwesens.

Denn die an Jesus Christus und seinem Wirken, Lehren und Leiden orientierte Gerechtigkeit setzt gerade keine heile Welt voraus, sondern sie gibt Antworten für ein gerechtes Leben in einer ungerechten Welt. Sie geht nicht von der Illusion des guten und unschuldig geborenen Menschen aus, sondern zeigt den Weg zur Gerechtigkeit für fehlbare und schuldig gewordene Menschen durch Gottes Erbarmen. Die in Gottes grenzenloser Barm-herzigkeit gründende zwischenmenschliche Zuwendung und Liebe macht sich gerade nicht vom Wohlwollen und Friedenswillen der anderen abhängig und wartet nicht auf deren Vorleistung oder Entgegenkommen. Sie orientiert sich nicht an der Gegenleistung der anderen, sondern an der vorausgegangenen Erfahrung der unbedingten Zuwendung und Annahme Gottes. Sie vertraut nicht auf weltfremde Illusionen vom guten Menschen, sondern ist den Menschen gut, weil sie sie mit dem realistischen Blick des barmherzigen himmlischen Vaters ansehen will. Wenn Einzelne, Gruppen und Gemeinschaften unserer Gesellschaft in ihrem jeweiligen Bereich solche „Friedensstifter“ nach „Gerechtigkeit Hungernde“ und „Barmherzige“ sein wollen (Mt 5,1–12), dann werden sie – bei aller eigenen Unzulänglichkeit und allem Angewiesensein auf Erbarmen – in dieser Welt wirken wie das Salz und das Licht in der Nacht (Mt 5,13–16).

Quelle: EINS 3/2009 ead

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Thema: Christ und Politik

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