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68. Der versteckte JESUS

Dienstag, 26. Januar 2010 | Autor:

„Was für ein außergewöhnlicher Beruf!“ Diesen Satz bekomme ich als Restaurator immer wieder zu hören, auch wenn der Beruf leider oft nicht so spannend ist, wie es sich anhört. Stundenlanges Sitzen über einem Objekt, Staub und Dämpfe in den Arbeitsräumen, giftige Chemikalien – das alles gehört zu meinem Alltag. Doch der letzte Auftrag, den ich bekam, war ganz anders als alle vorherigen Arbeiten, denn dabei habe ich nicht nur Malereien freigelegt, sondern etwas noch Wertvolleres.

Aber eins nach dem anderen …

Alles fing mit dem Anruf eines Pfarrers aus Sachsen an, der mich unbedingt für ein besonderes Projekt engagieren wollte. Ganz aufgeregt schilderte er mir am Telefon, dass er alte Berichte aus dem Jahr 1751 über eine Dorfkirche in seinem Bezirk entdeckt habe, in denen von drei Jesus-Bildern die Rede sei. Diese Bilder haben wohl nicht in die damalige Zeit gepasst und so viel Anstoß erregt, dass die Kirchenleitung gezwungen war, sie übermalen zu lassen.
Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Im Laufe meiner Karriere hatte ich schon viele Jesus-Malereien restauriert. Alle schienen mir den Jesus darzustellen, der ungefähr 1,75 m groß und schlank ist, braune lange Haare, weiße Kleidung, bleiche Haut und ein Schaf im Arm hat. Das ist nichts, was mich persönlich vom Hocker reißt, und ich verstehe auch nicht, was andere so anziehend an dieser historischen Persönlichkeit finden. Aber da ich ein neugieriger Mensch bin und die Auftragslage ohnehin recht dürftig war, sagte ich zu, suchte noch am selben Abend meine Werkzeuge zusammen und machte mich am nächsten Morgen auf den Weg nach Sachsen.

Einige Stunden später öffnete der Pfarrer mit einem riesigen Schlüssel die schwere Holztür einer kleinen Kirche. Muffiger Geruch strömte uns entgegen. Meine Augen mussten sich erst einmal an die Dunkelheit in der Kirche gewöhnen. Wir setzten uns auf die Holzbänke, die genauso knarzen, wie ich das aus alten Kirchen kannte. Hinter dem Altar entdeckte ich schließlich die drei Malereien, die verschiedene Szenen aus dem Leben von Jesus zeigten. Nichts Besonderes – wie erwartet.
Darunter sollten also die ursprünglichen Bilder liegen. Erwartungsvoll sah mich der Pfarrer an. „Wie lange wird es dauern, bis Sie die Malereien freigelegt haben?“
„Nun ja, das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Von den Bestandteilen der Farbe, des Untergrundes und auch vom Raumklima. Nach den ersten Analysen kann ich Ihnen mehr sagen, aber das wird erst einmal einige Tage in Anspruch nehmen.“

Also machte ich mich an die Voruntersuchungen. Vielleicht bin ich hier ja einer ganz großen Sache auf der Spur, sagte ich mir in den folgenden Tagen immer wieder, um bei Laune zu bleiben, während ich erste Proben von Farbpartikeln und vom Untergrund entnahm und dann die üblichen Analysen durchführte.
Erste Freilegungsversuche mit verschiedenen Abbeizpasten scheiterten, weil der über der ursprünglichen Malerei liegende Anstrich ungleichmäßig angebracht worden war. Viele Stunden später konnte ich jedoch mit einer Kombination aus zwei Abbeizpasten bessere Freilegungsergebnisse am Rand der ersten Malerei erzielen.
Nach diesem ersten Erfolg holte ich den Pfarrer in die Kirche. Er sollte unbedingt dabei sein, wenn ich damit begann, das erste Bild freizulegen. Um die Malschicht zu schonen, entschloss ich mich, kein Dampfstrahlgerät, sondern Wasser und eine Bürste zu benutzen. Unter dem Bild des leicht verklärt blickenden Jesus, der in den Himmel auffährt, kam nach und nach eine ganz andere Szenerie zum Vorschein.
„Jesus lacht ja!“, rief der Pfarrer und ich war genauso überrascht wie er. Ein herzhaft lachender Jesus. Das war wirklich untypisch. So hatte ich Jesus noch nie gesehen.
Nachdem ich weitere Teile des Bildes freigelegt hatte, erklärte der Pfarrer mir aufgeregt: „Das könnte eine Darstellung der Hochzeit zu Kana sein. Jesus und seine Jünger waren auf eine Hochzeit eingeladen; dort hat er Wasser in Wein verwandelt.“
Es dauerte noch einen Tag, bis ich das erste Bild komplett freigelegt hatte. Es war ungewöhnlich gut erhalten. Mir fiel auf, dass Jesus im Gegensatz zu den Bildern, die ich bisher gesehen hatte, mit braunem Teint und sehr muskulös dargestellt wurde.
Der Pfarrer war begeistert, als ich ihn darauf ansprach. „Wissen Sie, Jesus hatte ein Handwerk gelernt; er war Zimmermann. Er hat Holz bearbeitet und transportiert. Dieser Körperbau ist bei derartiger Arbeit völlig normal. Und kennen Sie einen Südländer, der viel unterwegs ist und nicht braun gebrannt ist?“

Das leuchtete mir ein.
Als wir staunend vor dem ersten freigelegten Bild standen, schossen mir viele Fragen durch den Kopf: Sollte Jesus doch viel mehr Mensch gewesen sein, als ich mir das vorgestellt habe? Wieso soll er nicht auch hin und wieder gelacht haben? Was mache ich mit meinem bisherigen Bild vom melancholisch traurig dreinblickenden Jesus? In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen, und ich schlich mich in die Kirche, um noch einmal in aller Ruhe das Bild auf mich wirken zu lassen.
In den nächsten Tagen machte ich mich an die Freilegung des nächsten Bildes, das Jesus bei der Heilung eines Kranken mitten in einer Menschenmenge zeigte. Mir fiel auf, dass das übermalte Bild wesentlich bunter war als das darüberliegende. Der frühere Maler hatte wesentlich intensivere und hellere Farben gewählt als sein Nachfolger einige Jahrhunderte später, bei dessen Werk hauptsächlich Braun- und Schwarztöne dominierten. Interessant. Vielleicht ist Jesus bunter, als ich mir das bisher ausgemalt habe! Erstaunlicherweise stellte sich im Laufe der weiteren Arbeiten heraus, dass auf dem unteren Bild die gleiche Szene dargestellt war wie auf dem, das sich jahrelang darüber befunden hatte. Aber Jesus heilte nicht mit ausgestreckter Hand, sondern hielt den Kranken im Arm und strich ihm mit der Hand über die Haare. Er schien sich zu freuen. Auch die Menschen um ihn herum zeigten viel mehr Freude und Emotionen als auf dem vorher darüberliegenden Gemälde. Einige jubelten und streckten die Arme in die Höhe, andere staunten mit offenen Mündern.

Jetzt war ich völlig baff. Ein Jesus, der Nähe zeigte, der hautnah am Schicksal der Menschen teilnahm. Keine Distanz, sondern Nähe. Schon wieder eine Überraschung.

Im Laufe der folgenden Tage wurde es für mich schon fast zur Gewohnheit, dass ich abends noch lange vor den freigelegten Malereien saß und sie eingehend betrachtete. An einem dieser Abende öffnete sich plötzlich die Kirchentür und der Pfarrer kam herein. Schweigend saßen wir einige Zeit nebeneinander da. Irgendwie musste er bemerkt haben, dass diese Bilder mich mehr berührten, als ich vielleicht zugeben wollte. Nach einer Weile sagte er: „Nehmen Sie doch Ihre Kulturbrille mal ab, dann können Sie Jesus noch genauer sehen.“ Verdutzt nahm ich meine Brille ab, aber alles wurde nur noch unschärfer. „Nein, nein“, sagte er lachend. „Ich meine die Kulturbrille.“

Ich sah ihn fragend an.
Jede Generation schafft sich ihren Jesus“, erklärte er. „Im 19. Jahrhundert war er der große Weisheitslehrer, im 20. Jahrhundert mal Revolutionär, mal Hippie. Man kann ihn einfach in kein Schema pressen. Er lässt sich nicht vereinnahmen. Er klettert aus jeder Schublade, in die wir ihn stecken, und jede Kultur hat ihre eigene Sicht von Jesus. Aber es geht darum, den echten Jesus in der Bibel zu entdecken.“

Ich stimmte ihm zu. „Das, was ich in den letzten Tagen durch diese Malereien von Jesus gesehen habe, hat mein Bild von ihm ganz schön auf den Kopf gestellt. Er ist greifbarer, menschlicher und göttlicher zugleich für mich geworden. Verstehen Sie, was ich meine?“, fragte ich ihn unsicher.

Er nickte.
Bei den Vorarbeiten zur Freilegung des dritten Bildes in der Mitte direkt über dem Altar, musste ich über die Worte des Pfarrers nachdenken. Es zeigte Jesus, wie er ernst und mit mahnendem Zeigefinger vor einer Menschenmenge eine Predigt hielt. Mir wurde bewusst, dass ich viele Vorstellungen über Jesus von anderen übernommen hatte, ohne selbst darüber nachzudenken. Und ich war sehr gespannt, welcher Jesus sich dieses Mal unter dem Bild verstecken würde.
Als ich mit der Abbeizpaste über den gestreckten Zeigefinger von Jesus strich, musste ich an die unzähligen Verbote denken, die ich in diversen Kirchen schon gehört habe. Aber die Frage war, ob Jesus auch in dieser Hinsicht anders sein würde, als ich es immer gedacht hatte …
Am nächsten Tag leistete der Pfarrer mir wieder Gesellschaft. Zum dritten Mal begann ich, mit Wasser und Bürste die Übermalung abzutragen. Der ausgestreckte Zeigefinger verschwand und im Laufe der folgenden Stunden wurde ein Jesus sichtbar, der einer Frau gegenüber auf dem Boden sitzt. Die Menschenmenge blieb, aber statt der Predigt ist eine andere Geschichte dargestellt, wie mir der Pfarrer erklärte. „Hier schleppen sie eine Ehebrecherin zu Jesus, die auf frischer Tat ertappt wurde. Sie wollen ihn auf die Probe stellen. Sie müssen wissen, dass auf so eine Tat nach dem jüdischen Gesetz der Tod durch Steinigung stand. Sehen Sie, hier und hier die Steine in den Händen der Menge …“

Und was hat Jesus gemacht?“, wollte ich wissen, während ich weiterbürstete.
„Er sagte zu den Menschen, dass jeder, der keine Sünde begangen hat, einen Stein auf die Frau werfen dürfe, und alle sind unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Ist das nicht genial? Und der Frau hat er ihre Schuld vergeben. Jesus ist so erfrischend unkonventionell und unorthodox. Er liebt und schenkt den Menschen Hoffnung und einen neuen Anfang, statt Regeln aufzustellen. Haben wir das nicht alle in unserem Leben bitter nötig?“

Ich blickte den Pfarrer an, und mir war fast so, als ob nicht ich diese Malereien freilegte, sondern Jesus die Übermalungen in meinem Herzen. Noch einige Wochen zuvor hätte ich nicht geglaubt, dass sich der echte Jesus hinter einigen Malereien verstecken und dass dies irgendeine Auswirkung auf mein Leben haben könnte. Ich kann nur alte Kunstwerke restaurieren. Aber er kann noch viel mehr. Er erneuert Menschen von Grund auf, und genau damit hat er gerade bei mir begonnen …

Christian Essl lebt mit seiner Familie in Lorsch, im südlichen Hessen, leitet das Schulungscenter einer Frankfurter Bank, liebt Bücher, besonders von Max Lucado, John Eldredge und Philip Yancey, und schreibt gerne Kurzgeschichten.

Die Geschichte „Der versteckte Jesus“ von Christian Essl ist dem Buch „Eine unerwartete Begegnung“ (Hrsg. Nicole Schol und Mirjam Kocherscheidt) entnommen (erschienen bei Gerth Medien, 2008).
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Thema: "Christliche", Buch Betrachtungen

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